Spiel mit dem Grauen

Das grauenhafte Monster des Holocaust in Romanform zu zähmen, ähnelt bisweilen einem Gang übers Minenfeld der Uneigennützigkeit. Anders als Takis Würger, dessen Roman „Stella“ im feuilletonistischen Sperrgürtel Schiffbruch erlitt, passiert das Werk des israelischen Autors und Rechtsanwalts diese Blockade. Umfangsmäßig ist der Band kein „Monster“, sondern ein kleiner Faszikel mit anhaltender Sogwirkung.

Umschlagbild Yishai Sarid: Monster
Umschlagbild Yishai Sarid: Monster

Im Zentrum der Erzählung steht ein Jerualemer Historiker, der nach brillanter Promotion über die Todesmechanismen der Konzentrationslager nun als gefragter Reiseleiter in Auschwitz, Birkenau und Treblinka für das Auskommen seiner Familie in Israel sorgt. Als Guide an den Stätten des Grauens erlebt und durchleidet der Protagonist die verkitschten Rituale der Erinnerung und das heilige Entsetzen über die menschliche Urkatastrophe. Es sind vor allem routinemäßige Besichtigungen, der Tourismus in Auschwitz, wodurch der Routinier die Fassung verliert. Seine Karriere endet schließlich in Treblinka mit einem Fausthieb auf einen deutschen Dokumentarfilmer.

Der essayistische Briefroman ist ein apologetisches Schreiben an den Direktor von Yad Vashem, dem einstigen Protegé des Protagonisten. Gleich dem Hauptakteur von Takis Würger, einem neutralen Schweizer, öffnet die unbefangene Namenlosigkeit des Ich-Erzählers ein Fenster zur Unmittelbarkeit. Wenngleich die hebräische Originalfassung bereits 2017 publiziert wurde, wirken bestimmte Passagen als anachronistisches Korrektiv auf Würgers Roman von 2019, insofern nicht Bilder oder Erinnerungen, sondern das plastische und grauenvolle Leid der Opfer im Brennpunkt stehen. „Stimmt, aber was wollt ihr damit machen, und wo sind die Menschen, wo sind die Opfer?“ (80) frägt der Historiker den Leiter einer Digitalisierungsabteilung, die das Schicksal der ermordeten Menschheit in einem Computerspiel verarbeiten will; wechselnde Rollen inbegriffen.

Im taktreichen Spannungsbogen wird klar, das namensgebende Monster ist jene Erinnerung, die das Leid der Opfer im Blick behält. Das Grauen der Geschichte entwickelt auf den jungen Familienvater einen Sog, gegen den auch seine akademische Distanz nicht ankommt. Sie gleicht einem „mächtig tosenden und schäumenden Wasserfall“, dem man sich nicht mit dem Mikroskop des Historikers nähern kann, den auch keine kriegstänzerische Choreographie der IDF überwindet.

Yishai Sarid, der selbst als Nachrichtenoffizier diente, frondiert sich mit seinem „Monster“ gegen jene unreflektierte Instrumentalisierung der Erinnerung, die primär einen Nutzen für sich selber ziehen will. Darum sind seine Gedanke mit Dornen übersät, wenn etwa in Israelflaggen gehüllte Schüler auf dem Geländer der NS-Gedenkstätte den Arabern den Tod wünschen: „Araber, so müsste man es mit den Arabern machen“ (20). Als jüdischer Autor darf man sich solche Worte erlauben. Schritt für Schritt schließt sich der Kreislauf der Gewalt, der Erzähler verliert seine Beobachterrolle und wird zum Akteur.

Es gibt Formen und Versuche, die Realität menschlicher Bestialität zu beschreiben, sich daran zu erinnern. Doch dem „Virus der Erinnerung“ haftet bisweilen etwas Monströses an; ein Gedanke der Vergangenheit und damit des Vergessens. Yishai Sarid wirft ein neues Licht auf die Erinnerungskultur, wagt sich an vermeintlich unantastbare Fragen und stellt in stillem, unaufgeregtem Ton eingefahrene Denkmuster infrage. Er liefert keine abschließende Erklärung, keine religiöse Methodik, sondern fordert den Leser selbst auf, in Sprache und Form mit der Erinnerung zu ringen; hierzu liefert er die grauenhafte Realität: „Eine halbe Stunde später zerrten jüdische Sklaven verkrümmte, aufgedunsene, ineinander verschlungene Leichen aus der Kammer, brachen ihnen die Goldzähne aus dem Kiefer und warfen sie draußen in Gruben. Alle paar Tage steckte man den Haufen in Brand, unter freiem Himmel.“

Florian Mayrhofer

Sarid, Yishai: Monster. Roman, Kein & Aber 2. Auflage 2019, 174 Seiten, € 19,- ISBN: 9783036957968

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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