Pius IX. Biographie

Der in Senigallia an der Adria geborene Giovanni Maria Mastai Ferretti (1792-1878), seit 1846 Papst Pius IX., wurde zusammen mit dem aus Bergamo stammenden Konzilspapst Johannes XXIII. am 3. September des Heiligen Jahres 2000 seliggesprochen. Gerade mit dieser Parallelität wollte Johannes Paul II. ein Zeichen setzen, gegen das sich reflexartiger Protest erhob. Kurz zuvor hat die „Arbeitsgemeinschaft der Kirchenhistoriker des deutschen Sprachraums“ in einer Erklärung einstimmig gegen die Seligsprechung Pius‘ IX. votiert. Allein aus Rom kam durch den späteren Kardinal Walter Brandmüller (Die Tagespost vom 2. September 2000) kompetenter Widerspruch.

Wenn nun einer der damaligen Protestierer, der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf, unter dem Titel „Der Unfehlbare“ eine große Biographie vorlegt, könnte man eine eher negative Skizzierung eines „antimodernen“ Papstes erwarten. Dem ist aber trotz manch harter Kritik nicht so. Dem ausgewiesenen Kenner der Kirchengeschichte des 19.Jahrhunderts und der vatikanischen Archive ist ein hervorragend geschriebenes, bestens recherchiertes und – auch dank vieler Mitarbeiter/innen (335f) – wissenschaftlich fundiertes großes Werk gelungen, zu dem er nicht erst seit seinem Bestseller „Die Nonnen von Sant’Ambrogio“ (München 2013) unterwegs war.

Der Werdegang und die innere Biographie des in der Jugend von Epilepsie belasteten italienischen Adligen wird von Wolf sehr fair und einfühlsam beschrieben. Auch Mastais marianische Spiritualität wird mit Bezug auf die große Arbeit von V. M. Seifert gewürdigt. Dass Pius IX. zeitweise „liberal“ gewesen sei, gilt als Mythos. Die politischen Wirrnisse um die Revolution, das Risorgimento, die Flucht nach Neapel, den Verlust des Kirchenstaates und den Widerstand gegen den neuen italienischen Staat werden spannend geschildert. Der Kulturkampf im Deutschen Reich nach 1871 hätte etwas mehr Aufmerksamkeit verdient.

Die im Untertitel der Biographie erwähnte These („Pius IX. und die Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert“) wird in vielen Zusammenhängen wiederholt. Nach dem kirchlichen Zusammenbruch in Folge der Französischen Revolution (sehr einfühlsam beschrieben!) sei von Rom mit Unterstützung nördlicher „Ultramontaner“ der tridentinische Katholizismus mit seinem Priester-, Bischofs- und Kirchenbild als Tradition und Gegenbild neu „erfunden“ worden. Wolf schließt sich der antikatholischen Polemik Bismarcks an, wenn er nun Bischöfe ansieht „als päpstliche Oberminstranten“ (139), die sich ängstlich an Rom und den Papst anlehnen. Nicht nur eine neue Tradition, sondern auch neue Dogmen werden unter Pius IX. „erfunden“. Mit dem „Devotionsdogma“ (210) von der „Unbefleckten Empfängnis Mariens“ (1854) wurde trotz Rücksprachen im Episkopat erstmals die autonome Unfehlbarkeit praktiziert (187-217).

Marienerscheinungen, vor allem in Lourdes, haben diesen Schritt übernatürlich bestätigt und zu einem kirchlichen Medienereignis gemacht. Zehn Jahre später hat im Anhang der Enzyklika „Quanta cura“ der „Syllabus der Irrtümer“, der teilweise von seinem späteren Nachfolger Vincenzo Pecci (Leo XIII.) vorgeschlagen wurden, eine Frontstellung als „Fels in der Brandung“ (219-255) gegen angebliche oder wirkliche Irrtümer der Moderne aufgebaut. Zuvor hatte sich Pius IX. mit der „unglaublichen Anklage“ (219) der Vorgänge im römischen Kloster Sant‘ Ambrogio, in die der Jesuitentheologe Josef Kleutgen verwickelt war, zu befassen. Kleutgen war Gutachter in der (von E. Pahud de Mortanges breit behandelten) Causa des Münchener Philosophen Jakob Frohschammer und gilt Wolf als „Erfinder“ des ordentlichen Lehramtes („magisterium ordinarium“), über das der Papst sich im Breve „Tuas libenter“ (1863) bestätigend geäußert hat.

Ein eigenständiges Lehramt der Theologen, von dem im Mittelalter noch Thomas von Aquin ausging, wurde verabschiedet zugunsten des außerordentlich und ordentlich ausgeübten pastoralen Lehramtes des Papstes. „Auch die Bischöfe treten in den Hintergrund. Der Papst schaltet und waltet autark“ (237). Die Definition der Unfehlbarkeit am 18. Juli 1870 im Rahmen des Ersten Vatikanischen Konzils ist dann schließlich der Punkt, auf den der theologische, mentale und spirituelle Lebensweg Pius’ IX., der einmal spontan sagte „La tradizione sono io“, zuläuft – mit sowohl massiver Kritik, als auch breitem Applaus (257-304). Das Entstehen der Altkatholiken wird nur kurz erwähnt.

Wolf beschreibt im Schlusskapitel „Che bello Papa!“ (305-332) die Verehrung und das lange Seligsprechungsverfahren für Pius IX. Dabei kommen Stimmen des „Advocatus Diaboli“ (Pater Raffaelo Perez) genauso zu Wort wie als Befürworter der Schweizer Kirchenrechtler Carlo Snider. Gesehen wird eine Charismatisierung des Papstamtes, ja sogar seine „Christificatio“. Während Pius IX. das charismatische Papsttum „erfunden“ (!) habe, habe es Johannes Paul II. „zur Vollkommenheit geführt“ (329).
Die Biographie Pius‘ IX. und seiner kirchengeschichtlichen Rolle ist Hubert Wolf mit seinem Team handwerklich und inhaltlich trotz einiger steiler Erfindungs-Thesen, die einfach auch als ein Wirken des Geistes in der Kirchengeschichte gesehen werden können, sehr gut gelungen.

Der systematische Theologe vermisst bei der papstfixierten Schilderung der Entwicklungen im 19. Jahrhundert die begleitenden theologischen Strömungen, etwa hinter der Glaubenskonstitution „Dei filius“. Auch findet weder die zeitgenössische Theologie des Tübingers Johann Adam Möhler oder des Kölners Matthias Scheeben Erwähnung, noch die Tatsache, dass es gleichzeitig in England den Konvertiten und Oratorianer John Henry Newman (1801-1890) gab. Die Lektüre der von Wolf leider übersehenen Biographie von Christian Schaller (Papst Pius IX. begegnen, Augsburg 2003) wäre daher als Ergänzung zu empfehlen.

Stefan Hartmann

Wolf, Hubert: Der Unfehlbare. Pius IX. und die Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert, C.H. Beck 2020, 431 Seiten, € 28,- ISBN: 978-3406755750

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