Orthodoxer Seitenblick

John Whitefords Traktat zum reformatorischen Schriftprinzip umfasst in seiner Prägnanz eine gut lesbare historisch-theologische Analyse aus orthodoxem Blickwinkel. Bevor Father John zum Erzpriester in Houston (Texas) geweiht wurde, wirkte er als Pastor in einer reformierten Nazarener-Gemeinde. Nach eigenen Angaben führten ihn die Studien der Religionswissenschaft zur Konversion, nachdem er in Folge seines Engagements für die „Pro-Life-Bewegung“ erstmals Kontakt zu orthodoxen Gemeindemitgliedern geknüpft hatte. Whitefords Kenntnis umfasst somit zwei konfessionelle Perspektiven. Ihre Gegensätzlichkeit erläutert der Geistliche in zwei Paragraphen.

Der erste Teil (20-65) beleuchtet die Problematik des protestantischen Zugangs zur Exegese im Hinblick auf den fehlenden Bezug zur gesamtkirchlichen Tradition. Weder eine wortwörtliche Auslegung, noch der Versvergleich im Kontext können die Insuffizienz ausgleichen. Unter dem Eindruck des heterodoxen Kirchengefüges betont Whiteford, dass selbst die Berufung auf die Führung des Heiligen Geistes, den Inspirator der Schrift, für kein korrektes Verständnis sorgen kann, zumal die Heilige Schrift per se „Tradition“ (1 Kor 11,2 und 2 Thess 2,15), der „Gipfel der kirchlichen Tradition“ (87) ist. Daneben konstatiert Whiteford der historisch-kritischen Exegese, deren Wissenschaftlichkeit unter Anführungszeichen firmiert, eine hybride Kreativität, die das Wesen der Häresie ausmacht.: „Neuheiten, arrogante persönliche Meinungen und Selbsttäuschung.“ (65)

Im zweiten Abschnitt (66-88) erläutert Whiteford den orthodoxen Schriftzugang. In diesem Zusammenhang orientieren sich die folgenden Zeilen vorwiegend am „Commonitorium“ des Vinzenz von Lérins, dessen Leitsatz „was überall, immer, von allen geglaubt worden ist“ das altkirchlich-katholische Traditionsprinzip in die Gegenwart überliefert und „einen Maßstab (Kanon) für den einen, wahren Glauben“ in die Hand gibt. Anders als der protestantische Exeget fühle sich der orthodoxe Bibelausleger an die kanonische Tradition gebunden. Um ihre Botschaft zu verstehen, braucht es die Demut, „zu Füßen der Heiligen zu sitzen“, die sich „durch ihr Leben als würdige Interpreten der Schriften erwiesen haben“ (88).

Einen tiefgehenden Gedanken liefert der Autor mit seinem Verweis auf den Konnex zwischen der Kirche als „Leib Christi“ und den Kirchenvätern, die uns vom Himmel her weiter unterweisen: „Wir unterstehen heutzutage der Lehre des heiligen Johannes Chrysostomus in einem noch höheren Maße, als zu seinen Lebzeiten. Die Weise, wie dies unseren Zugang zu den Schriften beeinflusst, ist solcherart, dass wir sie nicht für uns privat auslegen, sondern als Kirche.“ (74)

Whitefords Traktat ist kein ökumenischer Blumenstrauß. Vielmehr zeichnet er sich durch eine für europäische Christen ungewohnte Kompromisslosigkeit aus, worin sich der Charakter des einen oder anderen Kirchenvaters widerspiegeln könnte. Zum Teil würde sich der Leser einen stoischeren Proselytismus, eine gezügeltere Tonalität und Violenz wünschen. Doch gerade hierin liegt die befreiende Spannung begründet, die auch dann keine Schmälerung erfährt, insofern der orthodoxe Erzpriester eine rhetorische Breitseite auf die katholische Phalanx verpulvert.

Florian Mayrhofer

Whiteford, John: Sola Scriptura. Die Heilige Schrift allein, Eine orthodoxe Analyse des Ecksteins der Reformierten Theologie, Edition Hagia Sophia 2015, 97 Seiten € 10,50 ISBN: 9783937129983

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