Was nun, Herr Kardinal?

Für Präzision und Diplomatie sind die Schweizer bekannt. In dieser Harmonie ist ein Buch auch zu lesen, das im Schatten des Petersdoms entstanden ist. Kardinal Kurt Koch obliegt als „Ökumene-Minister“ die Förderung der Einheit der Christen. Seine Perspektive ist die Weltkirche, seine Aufgabe die Horizonterweiterung.
Im vorliegenden Interview-Buch steht der Schweizer Kardinal Rede und Antwort zu Fragen des Glaubens, zur Kirche und Gesellschaft. Sein authentisches Christsein, sein unkompliziertes Katholischsein, schenkt dem Leser zudem Impulse und persönliche Denkanstöße. Jedoch immer mit der Süße des Glaubens und ganz speziellen Humor der Eidgenossen, der zum Schmunzeln animieren will. Ist das Papsttum ein Bremsklotz oder Schrittmacher für die Kirche, wie kann man die immer größere Stärke der Islamisten in Europa beurteilen, warum hat auch Papst Franziskus im KZ Auschwitz geschwiegen oder wie soll sich der Christ an einer Kirche festhalten, die selbst unter Gleichgewichtsstörungen leidet? Heikle und aktuelle Fragen, die Koch als „Kardinal zum Anfassen“ offen beantwortet. Vor allem sein menschlicher Zugang zu Konfliktherden ist bedenkenswert, wenn er festhält, dass lange Zeit eine mangelnde Bereitschaft vorherrschte, um Verzeihung zu bitten. Sowohl in der Kirche als auch unter den Menschen. Hier sieht er den Schlüssel zum Geschenk der Versöhnung und Erlösung. Der fünfte Fragenzyklus widmet sich eingehend unserer Gesellschaft an der Schwelle des dritten Jahrtausends, in der sich das Christentum immer mehr in die Defensive zurückgezogen hat. Damit verliere Europa nicht nur seine sozialen und humanistischen Wurzeln, sondern auch seine christliche Identität. Weil der Mensch aber von Natur aus religiös veranlagt ist, muss Ersatz gesucht werden: Individualität in Privatreligion und Egoismus. Die Kirche und der Christ sind aufgerufen, diesen Teufelskreis des „zu Tode arbeiten“ zu durchbrechen und die „unbekirchte Religiösität“ wieder in Christus zu verankern.
Kirche und Christus haben immer angeeckt, demonstriert der Kardinal eindrücklich. Jesus hat nicht immer „kundenfreundlich“ gehandelt, sonst hätte am Ende seines Lebens vielleicht ein Ehrendoktor gestanden, nicht aber das Kreuz. Die Kirche ist aufgerufen die Botschaft Jesu zu verkündigen, weil sie „Trägerin der wunderbaren Botschaft von der grenzenlose Liebe Gottes“ ist. Sie trägt das Evangelium in die Zukunft und ist selbst immer Hörende. Sie feiert die Liturgie zur Ehre Gottes und zum Heil der Welt. Wird diese Symphonie gepflegt, wird auch die Einheit und wahre Erneuerung der Kirche möglich.

Florian Mayrhofer

Koch, Kurt und Biel, Robert: Was nun, Herr Kardinal? Gespräche über Kirche und Gesellschaft, Verlag Katholisches Bibelwerk 2018, 160 Seiten, € 15,40 ISBN: 978-3460300132

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.