Philosophie der Unterbrechung

Führungs- und Wirtschaftsethik liegen hoch im Kurs. Als Reaktion auf den kapitalistischen Konkurs stehen die soft kills in Führungsriegen mittlerweile auf Seiten der Aktiva. Der menschliche Umgang des homo practicus offenbart jedoch schnell die Inkongruenz zwischen Haben und Sollen. Nicht nur im sozialen Alltag großer Organisationen, sondern auch auf kleineren Ebenen, mitunter in der kleinsten Zelle der Gesellschaft selbst klafft eine Lücke emotionaler Aufmerksamkeit.

Bernhard Waldmüllers schmaler Faszikel liefert spirituelle Impulse, um die Herausforderungen des Führens in einer Haltung der Achtsamkeit, der inneren Freiheit und Entschiedenheit einzuschlagen. Ausgangspunkt hierfür sind, der Themenreihe Rechnung tragend, Ignatius’ Exerzitien, sein „Gebet der liebenden Achtsamkeit“, das als Basso continuo den Gedanken grundgelegt ist und sich als Übungsweg verstanden wissen will. Waldmüllers Erfahrungen zeichnen sich durch eine große Offenheit und Freiheit aus. Der Autor demonstriert dies anhand seiner Anregungen und Schreibweise, die auch Menschen nützen können, denen der Reichtum und die Vielfalt des Christentums (noch) fremd sind. Der gefestigte Christ wird darum keinen Anstoß nehmen, wenn Klammern den wichtigsten Satzinhalt einrahmen: „Wo ich mich (von Gott) liebend angenommen weiß, kann ich auch Risiken eingehen, mich harter Kritik aussetzen, mich grundlegend in Frage stellen lassen.“ (57)

Typisch jesuitisch illustrieren drei Schritte den philosophischen Übungsweg einer „liebevollen Unterbrechung“. Beginnend mit dem Modewort der „empathischen Aufmerksamkeit“ führt der rote Gedankenfaden hin zur inneren Freiheit, sodann zur persönlichen Entschiedenheit. Ignatius’ „Indifferenz“, die Freiheit des eigenen Geistes, steht demgemäß im Zentrum der Betrachtung, womit eine „geistige Mobilität“ und Flexibilität erreicht werden soll. Bewusste Unterbrechungen im Treten der beruflichen Knochenmühle sollen eine gesunde, innere Distanz zu jenen Denkmustern aufbauen, die unsere Emotionen und Entscheidungsprozesse dominieren, sie einschränken und dadurch unsere Freiheit, Effektivität und Effizienz blockieren.

Der Autor legt bewusst keinen ethischen Tugendkatalog vor. Seine contemplatio in actione eröffnet vielmehr eine Schule der Verlangsamung in dem Bewusstsein, dass die praktischen Anregungen auf viele Teilbereiche menschlicher Existenz anwendbar sind. Nicht nur Manager der Personalführung, sondern zuweilen auch Familienmütter, Lehrer oder Leiter von Gebetsgruppen profitieren vom „Atemholen der Seele“, dem meditativen Rückblick, der im Umkehrschluss einen entschiedenen Vorausblick ermöglicht.

Florian Mayrhofer

Waldmüller, Bernhard: Führen – sich und andere. Aufmerksam, frei, entschieden (= Ignatianische Impulse Band 82), Echter Verlag 2019, 88 Seiten, € 7,90 ISBN: 9783429053796

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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