Luzide Perspektiven für Hegelianer

Er ist schwierig, er ist mein Bruder“ – so sagt als „Nachruf“ (673) der in der Nachfolge von Karl Rosenkranz (1805-1879) stehende Biograph Klaus Vieweg (Jena) am Ende seiner großen Biographie zum Hegel-Jahr 2020. Diese „Schwierigkeit“ hat der Hegel-Spezialist aufgelöst und entkrampft durch ein freimütiges und nichts auslassendes Portrait Hegels als „Philosoph der Freiheit“ – entlang seines reichhaltigen und breit geschilderten Lebens- und Denkweges. Person und Werk greifen ineinander, die fulminante Einleitung „Philosophieren heißt frei denken und frei leben zu lernen“ (17-33) zeigt, dass ohne eine das Ästhetische einbeziehende und eine freiheitliche Sicht der Philosoph Hegel nur missverstanden werden kann. Er war nicht der restaurative Anwalt des Bestehenden, als den ihn seine Gegengeister Kierkegaard, Schopenhauer oder Marx sahen, sondern seit den denkwürdigen „Reich Gottes“-Tagen mit Schelling und Hölderlin im Tübinger Stift ein riskanter und feuriger Denker, der seine jeweilige Zeit kannte und prägte. Jedes Jahr soll er „am 14.Juli, dem Tag des Beginns der Französischen Revolution, ein Glas Champagner genossen haben“ (18).

Mit der in Bamberg vollendeten „Phänomenologie des Geistes“, die als „Grundbuch der Freiheit“ (22) galt, hat er die Richtung seines Denkens vorgegeben. Sein Credo hieß fortan „Vernunft und Freiheit“. Hegel wurde zum „deutschen Aristoteles“ (23) und Vieweg stellt sich gegen seine Verunglimpfung durch den unkundigen Karl Popper (in „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“) als platonischer Vordenker des Totalitarismus (23). Schon für Rosenkranz war es eine Herausforderung, Denkgeschichte und Leben des Philosophen zu verbinden. Vieweg gelingt es in großer Freiheit und Souveränität, den Lebenslauf in „aufsteigender Linie“ (27) zu erfassen und dabei die verknüpfenden Fäden zum Weltenlauf zu finden. Zitat: „In einer Biographie geht es um die das Leben prägenden Handlungen und entscheidenden Werke, ohne die Eigenheiten und das Skurrile zu vergessen – im Falle Hegels um seinen Weg zur Wissenschaft, um sein öffentliches Wirken, nicht vordergründig um die die Wanderungen zum Vierwaldstätter See, seine Faibles für Kartenspielen oder das Trinken des vorzüglichen Bamberger Bieres“ (28).

Als „sehender Maulwurf“ muss sich Hegel listig gegen Verdächtigungen oder Vereinnahmungen durch die politische und geistige „Geheimpolizei“ der Restauration wappnen (31). Vieweg führt die Leser seines großen und materialreichen Buches bildhaft und lebendig durch alle Stationen von Hegels Wirken: von der Geburtsstadt Stuttgart über Tübingen, Bern, Frankfurt, Jena, Bamberg, Nürnberg, Heidelberg bis zum Endpunkt im preußischen Berlin. Es ist faszinierend, wie die Verbindung von Leben und Denken so gelingt, dass man am Ende mit Oscar Wilde sagen kann: „I’m smart. I read and understand Hegel“ (33). Leider werden theologische Bezüge, auf die etwa Hans Küng, Eberhard Jüngel oder Hans Urs von Balthasar eingingen, nicht vertieft. Vieweg beschert in seinem „opus magnum“ aber ein Lesen mit „Vergnügen und Erkenntnis“ (Paul Stöcklein). Bamberger werden sich besonders am Kapitel „Der neue Bamberger Reiter in der Zeitungsstube – Hegel als politischer Journalist (1807-1808)“ erfreuen (307-325). Es ist die einzige Zeit, in der der Weinliebhaber (33) Hegel Biertrinker war, aber vor der Hochzeit mit einer Nürnberger Tucher-Tochter (1811) auch die ein oder andere amouröse Verbindung gehabt haben soll.

Bei dem großen Geist Hegel ist manches Universale im Konkreten, manches Objektive im Subjektiven, manches Absolute im Relativen – und die Wahrheit immer das Ganze. Als Denker der endlich-unendlichen Liebe ist er immer noch zu entdecken.

Stefan Hartmann

Vieweg, Klaus: Hegel. Der Philosoph der Freiheit, Biographie, C.H. Beck 2020, 3. durchgesehene Auflage, € 34,- ISBN: 978-3406742354

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