Paul Celan in theologischer Sicht

Zum Celan-Jahr 2020 – der 50. Todestag war im April, der 100.Geburtstag ist am 23. November – hatten der Herder-Verlag und Autor Jan-Heiner Tück die gute Idee, ein vor zwanzig Jahren bei Knecht erschienenes Buch erweitert neu aufzulegen. Der Wiener Theologe und Schriftleiter der deutschen Ausgabe der Internationalen Katholischen Zeitschrift „Communio“ ist nicht nur germanistisch versiert als Initiator der Wiener Poetik-Dozentur Literatur und Religion, sondern auch im christlich-jüdischen Dialog engagiert als Verfasser vieler Aufsätze („Gottes Augapfel. Bruchstücke zu einer Theologie nach Auschwitz“, Freiburg ²2016) und eines ausführlichen Geleitwortes zu Walter Homolkas Buch „Der Jude Jesus – Eine Heimholung“ (Freiburg 2020).

Paul Celan aus Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina, hieß ursprünglich Paul Pessach Antschel, rumänisiert Ancel, und hat sich als Schriftsteller den Namen Celan gegeben (Betonung auf dem ersten Vokal). Die Eltern des Einzelkindes waren Opfer des Nazi-Regimes, ein Trauma, das er durch seine Dichtung zu bewältigen versucht. Sein Lebensweg führte von Bukarest über Wien (wo er Ingeborg Bachmann kennenlernte) nach Paris. Die berühmte „Todesfuge“ mit dem wiederkehrenden Satz „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ (dem Land eines Meister Eckharts, von „Meistersängern“ und „Meisterdenkern“) widmete er als „Grabmal“ seiner Mutter. Gegen Adornos damaliges Diktum „Nach Auschwitz Gedichte zu schreiben, ist barbarisch“ ist Paul Celan das lebendige Gegenbeispiel. Tück schildert in „Voraussetzungen“ diese Diskussionen und führt in Celans Leben und Werk ein (29-78). Mit antisemitischem Unterton hat der Literaturkritiker Günter Blöcker Celan verletzt und die Witwe seines Freundes Yvan Goll ihn mit haltlosen Plagiatsvorwürfen bedacht (65). Die Begegnungen mit dem Philosophen und ehemaligen NSDAP-Mitglied Martin Heidegger brachten nicht die von Celan erwartete Klarstellung. Das Gedicht „Todtnauberg“, das im Jahr seines tragischen Suizids im Band „Lichtzwang“ (1970) erscheint, bietet ein poetisches Protokoll dieser „epochalen Begegnung“.

Herzstück von Tücks Buch sind Deutungen von fünf Gedichten aus Celans Gedichtzyklus „Die Niemandsrose“ (1963), den manche fälschlich als eine atheistische „Anti-Bibel“ (89) ansahen. Doch die Anrufung Gottes als „Niemand“ im Gedicht „Psalm“ kann als Echo des heiligen Namens angesehen werden. In „Zürich, zum Storchen“ geht es um ein Gespräch mit Nelly Sachs über die Hoffnung eines „Vielleicht“: „wir wissen ja nicht, was gilt“ (146). „Benedicta“ (170) kreist um den Teneberleuchter der alten Karfreitagsliturgie, „In eins“ (194) mit Walter Benjamin und Gershom Scholem um Begriffe der Geschichte und der revolutionären Arbeiterkämpfe in Wien, Paris, Spanien und Petersburg. Insgesamt sieht Tück in Celans „Niemandsrose“ und in seinem gesamten Werk „Spuren einer poetischen Theologie des abwesenden Gottes“ (227), die teilweise auch mit Kategorien der Kabbala eingefangen werden. Dies wird einfühlsam und kenntnisreich begründet, ohne den jüdischen Autor, der auch zum Staat Israel eine Beziehung hatte, christlich zu vereinnahmen.
Unter „Provokationen“ hinterfragt Tück eine „pädagogische Instrumentalisierung des Grauens“ (249), befürwortet theologisch eine „Wiederentdeckung des Schweigens“ und „die heilsame Unterbrechung eingeschliffener Sprachpraktiken“ (255). „Beten nach der Shoa“ ist mit Johann Baptist Metz deshalb möglich, „weil auch in Auschwitz gebetet wurde“ (267)., selbst wenn es nur ein Schrei war (270).

Tück beschließt den Band mit an Celan anknüpfenden neuen theologischen Essays zu einer „Christologie nach Auschwitz“, der Frage, ob das Unverzeihliche verzeihbar sei (Antwort: Ja, nur dann ist Verzeihung Verzeihung), dem Problem der Theodizee und der Hoffnung auf Vollendung. Gewidmet ist das Buch dem Gedenken der Münsteraner Theologen Johannes Bours (1913-1988) und Johann Baptist Metz (1928-2019).

Stefan Hartmann

Tück, Jan-Heiner: Gelobt seist du, Niemand. Paul Celans Dichtung, eine theologische Provokation, Herder 2020, 352 Seiten, € 28,80 ISBN: 978-3451383601

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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