Literatur : Religion

Seit 2016 bietet der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück über seinen Lehrstuhl eine Poetikdozentur „Literatur und Religion“ an, von der führende zeitgenössische Schriftsteller Gebrauch machen konnten. Nach zwei Bänden mit Wiener Vorlesungen und über das Werk des Schweizers Thomas Hürlimann führt Tück in einem dritten Band nun das direkte Gespräch „im Zwischenraum von Literatur und Religion“ mit seinen geladenen Autoren. Es sind keine „Interviews“, sondern Dialoge eines profilierten Theologen mit Meistern des Wortes und der literarischen Darstellung. Bei jedem der sieben Schriftsteller werden religiöse Kerngedanken angesprochen.

Sibylle Lewitscharow spricht über ihren Roman „Das Pfingstwunder“ (Berlin 2016), der mit Ironie von einer Dante-Tagung handelt und dabei den Höllen der Geschichte und der Notwendigkeit des Gerichts nicht ausweichen kann. Zurückgewiesen werden alle „mitleidigen“ Theorien von Allversöhnung, wie sie die moderne Theologie gerne aufgreife. Erstaunlich ist Lewitscharoffs Zurückweisung von Dantes Beatrice, die etwas von einer Galionsfigur habe und mit Francesca da Rimini nicht mithalten könne.

Das Titelwort stammt von einem Einsiedler Benediktinerpater und Physiklehrer, den der junge Thomas Hürlimann fragte, was denn Transzendenz sei. „Das Gespür für die Anwesenheit des Abwesenden“ kam als Antwort, ein auf einer Bergwanderung gesehenes, vom Blitzschlag verkohltes Wegkreuz war ihm „Feuerschlag des Himmels“ (64). Das oft verdrängte Kreuz ist dann Gesprächsthema. Von der Lyrikerin und Sprachperformerin Nora Gomringer wird der Holocaust erwähnt. Sie schildert ihre Erschütterung, als sie mit elf Jahren erstmals in Auschwitz war und später in der Ludwigsburger Dokumentationsstätte mit ihrer Mutter der Nazivergangenheit ihres Großvaters nachforschte. Nur im Durchgang durch ein Schweigen kann davon gesprochen werden. Bei der Wiener Vorlesung wurden eindrucksvoll von Gomringer die Namen der 50 Opfer des Terroranschlages von Orlando genannt – so wie es jährlich am 11. September in New York geschieht. „Das Beten ist neben der Aussicht auf Auferstehung das schönste Geschenk Gottes an uns“ (86).

Der Berliner Schriftsteller Hartmut Lange war einst entschiedener Marxist und ist zum suchenden Melancholiker geworden. Tück spricht mit ihm anhand seiner Romane über das Transzendenzbegehren und den Trost, den Literatur auch angesichts des Todes vermitteln kann. Der sächsische Dichter und evangelische Theologe Christian Lehnert wird nach der schöpferischen Dimension von Sprache, nach Klang und Rhythmus des Schreibens gefragt. Er findet aufgrund sprachlicher Missverständnisse zu einer negativen Theologie, die „auf Golgatha noch einmal durchkreuzt“ (126) wird.

Beim österreichischen Erfolgsautor Michael Köhlmeier geht es um „das dunkle Rätsel des Bösen und die Schönheit der Kunst“ (133). Folie ist dabei die Novelle „Ein Mann, der Verlorenes wiederfindet“ (München 2017) über das Sterben des heiligen Antonius von Padua: „Antonius ist der große Wieder-Finder. Vielleicht kann er auch jemandem helfen, die Liebe zu finden … oder sie wiederzufinden …“ (139). Beim gebürtigen Bulgaren Ilija Trojanow bekommt das Zwischenraum-Gespräch interreligiös-politische Dimensionen. Es geht um seine frühe Flucht aus dem kommunistischen Bulgarien und die Schilderung eines totalitären Staates und seiner Verbrechen („Macht und Widerstand“, Frankfurt a.M. 2015). Indien, Arabien und Afrika haben Trojanow religiös und mental geprägt. Intensiv wird über Vergessen, Vergeben, Reue und Gericht gehandelt. So steht Dante mit seinen Gerichtsszenen am Anfang und Ende des Wiener Gespräche-Buches, das Jan Assmann gewidmet wurde.

Stefan Hartmann

Tück, Jan-Heiner (Hrsg): „Feuerschlag des Himmels“. Gespräche im Zwischenraum von Literatur und Religion (Poetikdozentur Literatur und Religion Band 3), Herder 2018, 200 Seiten, € 18,- ISBN: 9783451381843 (= Poetikdozentur Literatur und Religion Band 3)

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