The Romanoffs

Um Haaresbreite wären die Romanoffs zum wiederholten Mal Opfer eines Verbrechens geworden. Als dem spiritus rector des Historiendramas „Mad Man“ sexuelle Übergriffe im Gefolge der #MeToo-Kampagne angelastet wurden, hing nicht nur die Zukunft des Regisseurs Matthew Weiner am seidenen Faden, auch die Kooperation mit Amazon Video stand auf dem Spiel. Neben diesen traurigen Tatsachen durchzieht ein dünner Seidenfaden als spirituelles/soziologisches Strickmuster die Anthologie-Serie, die rund um den Globus Personen fokussiert, denen bisweilen optisch eine aristokratische Aura vorausgeht. In den meisten Fällen wird das Geheimnis des Deszendenten jedoch erst im späten Verlauf der Kurzgeschichte gelüftet. Spannung und Überraschung sind damit vorprogrammiert.

Episode 1: Als die xenophobe und zur Hypochondrie neigende Anushka La Charnay in einer Pariser Nobelwohnung ihre polnische Dienstbotin vor die Tür setzt und daraufhin eine zierliche junge Muslima mit Hijab die Schwelle überschreitet, wird womöglich das US-amerikanische Sujet bedient – die Folgen sind als Originalfassung mit Untertitel vorhanden – es zeigt sich aber, dass passender die Russisch-Osmanischen Kriege Pate standen. Spätestens nach dem Hinweis, Hajar entstamme nicht aus dem Feindesland, sondern aus dem ehemaligen Französisch-Nordafrika, sei an der Seine geboren und habe ihre Heimat nie zu Gesicht bekommen, ergibt sich die Salondame ihrem Schicksal und streckt die Waffen. Die Krim bleibt vorläufig noch bei Russland. Der Verlauf offenbart die wahre Herkunft der Nachkommin aus einer Liaison zwischen einem Romanoff und einer Kurtisane. Womit auch die Provenienz des Salons geklärt wäre, der von Ikonen und dem obligatorischen Fabergé-Ei gespickt ist. Bei Tisch wird demonstrativ das Kreuz geschlagen. Nicht nur rhetorische Animositäten prallen in dieser Episode zusammen („Take your bombs and go home!“), auch Daseinsformen. Wenn zum Beispiel neben der sittsam gekleideten Hajar die laszive Begleiterin des einzigen Erbens in Rage gerät. Weiners Plot überrascht den Zuseher mit einem Finale ex abrupto. Wider Erwarten bahnt sich zwischen dem Nachfahren und der Muslima ein fruchtbares Intermezzo an. Abtreibung steht für die werdende Mutter nicht zur Debatte. Bei der Konfrontation mit allen Protagonisten entpuppt sich die exklusive Verbindung als Resultat einer latenten Zuneigung. Die Serie komplettiert das Stoßgebet der Romanoffa: „This is all I wanted. For the line to continue“, wobei sie ihren Kopf gen Himmel erhebt, mit bedächtig geschlossenen Augen die Hände faltet und im Hintergrund die Ikone „Muttergottes mit Kind“ abermals zum Vorschein kommt. Szenenwechsel.

Vielstimmig intoniert die 6. Episode einen katholische Tenor, zumal Mexico City, nach Zwischenlandung in der österreichischen Provinz (Episode 3), kulturell dafür prädestiniert scheint. Abel lebt in seiner sporadisch möblierten Wohnung. Als Lokalreporter versucht er, einen graumelierten Heilmediziner genauer unter die Lupe zu nehmen. Dieser steht unter Verdacht, wohldotierten Patienten mit falschen Versprechungen Geld aus der Tasche zu locken. Nach der Enttarnung des provinziellen Investigativjournalisten kreuzen sich die Wege von Abel und Victoria sowie ihrem Sohn, der an Hämophilie leidendet. Ihre Vermutung liegt nahe, auch Erik leide an einer unheilbaren Krankheit. Im Chevrolet Suburban sicher verpackt, steuert der Chauffeur die größte und älteste Kathedrale des amerikanischen Kontinents an. Dort manifestiert sich bei der Mutter ein tiefer religiöser Hoffnungsglauben, der über das kleine Flämmchen der Opferkerzen hinausragt. Ein weiterer Höhepunkt: Erik wird die Provenienz jener Stammzellen zugesteckt, die in der Luxusklink verbraucht werden. In einer heruntergekommenen Anstalt am Stadtrand geben sich schutzlose indigene Frauen die Klinke in die Hand. Auf dem Infostand häufen sich Broschüren zum Zika-Virus, Appelle für Unterstützung alleinerziehender Mütter. Flankiert vom anklagenden Narrativ Eriks: „And here they are, unable to afford their own fruit. So once again, the conquistadors gallop in and seize the harvest. They would replace all their body parts with ours if they could.“ Mag auch der explizite Pro-Life-Bezug fehlen und der Kontext gar kontradiktorisch ausgeschlachtet werden, legt diese Szene doch den Finger in eine kulturimperialistische Wunde der Vergangenheit und Gegenwart. Auch die weiteren Episoden wären ein moraltheologisches Forschungsfeld, obschon die religiöse Tiefe dem Rufzeichen eines ausradierten Satzes gleicht. Gleich der Romanow-Dynastie.

Elegant, aber frustrierend könnten die Filmkritiken aus dem angloamerikanischen Raum zusammengefasst werden. Deutschsprachige Feuilletonisten sekundieren auf ähnliche Weise: „Er dehnt die Zeit, verweilt bei Details, lässt lieber Dialoge oder Musik als Handlungen sprechen und die Figuren sich vorantasten, bis es zum großen Knall kommt. Statt Spannungsbögen in Spielfilmlänge zu konstruieren, knüpft er lieber ein loses Netz aus Querverweisen. Gerade das aber macht, getragen von dem exzellenten Ensemble, den Charme der «Romanoffs» aus. Kaum eine Episode, nach der einem nicht einzelne Augenblicke noch vor Augen stehen: der Stoß in den Rücken am Abgrund, der starre Blick der Zarin, die Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht vor dem Spiegel.” (FAZ)

Florian Mayrhofer

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