• Im Kochtopf des Kannibalen

    Es gehört wohl zum Schutzmechanismus der menschlichen Psyche, dass wir, ohne aktives Sensorium dafür zu entwickeln, den permanenten Feuerzauber unserer Umwelt kaum mehr wahrnehmen. Allen voran hüllt uns die Kanonade des Konsumwettrauschs in dichte Nebelschwaden. Ein Geist bahnt sich vom Unbewussten ins Unterbewusste seinen Weg und öffnet von innen die Tür für eine Geistesströmung, die sinuskurvenförmig anziehende und abstoßende Wirkung erzeugt. Weil niemand dieses Geistes habhaft werden kann, nennen wir ihn „Zeitgeist“, zumal die Zeit ebenso allgegenwärtig und unbändig ist. Kirstine Fratz versucht in ihrem Buch, den Nerv der Zeit zu treffen, nämlich durch die Hinterfragung greifbarer Phänomene auf eine kulturelle Metaebene vorzudringen und unsere gesellschaftliche Triebfeder zu finden. Wer…

  • Ich fühle, also bin ich?

    In unserer postreligiösen Gesellschaft ist das Moralin zum Religionsersatz mutiert. Oder mit etwas mehr Charme und an Anlehnung an das Titelbild formuliert: Hypermoral ist der menschlich-sakrale Zeigefinger in der Wunde des Kränkungsfetischismus. „Wir leben im Zeitalter der Hypermoral.“ Mit diesem Postulat beginnt das jüngste Buch des Essayisten Alexander Grau, Jahrgang 1968. Hier beschreibt ein deutscher Philosoph, der über Hegels Erkenntnistheorie promovierte, den zum neuen Lifestyle gewordenen Moralismus. Man echauffiert sich heutzutage nicht, wie noch die Großelterngeneration, über den verloren gegangenen Anstand, über die unerzogenen Kinder des Nachbarn oder über Tattoos, sondern über Umweltsünder, Sexisten, Atomkraft und Kritiker der uneingeschränkten Migration. Wer diesen gängigen moralischen Wertevorstellungen widerspricht, dem droht soziale Ächtung…