• Einheit und Reform in römischer Sicht

    Römische Begegnungen“ – unter diesem Titel erwartet man vielleicht plauderhafte Schilderungen des unfreiwillig emeritierten ehemaligen Präfekten der Glaubenskongregation (2012-2017). Es ist jedoch ein kunstvoll komponiertes, dichtes Grundsatzwerk, das an die Form der platonischen Dialoge anknüpft und allen Gedanken um Einheit und Reform der Kirche eine überschaubare Struktur gibt. Müller spricht von sich in der dritten Person als „der (römische) Kardinal“ und lässt verschiedene Protagonisten auftreten, um seinen klaren Gedanken und auch den verunklärenden Gedanken anderer ein Forum zu bieten. Nach einer Grundsatzbetrachtung „Alle Wege führen nach Rom“ führt der Weg zu einem Frühlingsempfang in der schönen deutschen Botschaft, wo Müller in verschiedenen „Stuhlkreisen“ u.a. Bischöfe, progressive und traditionalistische Theologieprofessoren, eine…

  • Geistige Leitplanken als Grundsatz

    Der katholische Philosoph Josef Bordat veröffentlichte zum 70. Jubiläum der Unterzeichnung des deutschen Grundgesetzes eine theologische Analyse dieses Verfassungsrechts im Licht des christlichen Glaubens. Dadurch enthob Bordat die transzendente Rechtsmetaphysik, das Stiefkind des säkularen Staates, aus dem Dunkeln ihres Schattendaseins. Zudem verdeutlicht der vorliegende Traktat im Kontext christlicher Ethik und philosophischer Grundwahrheiten die Spur des „Ewigen“ im „Provisorium“. Die Trennung von Glaube und Öffentlichkeit, von Staat und Kirche schlägt mitunter eine tiefe Kluft zwischen liberal-demokratischer Werte und deren religiöse Quellenlandschaft. Religion als Privatsache hieße, den rechtsprägenden Einfluss des Christentums zu negieren, den Rekurs auf Gott aufzulösen. Worin dieser Gedanke enden könnte, illustrieren die Geschichtsbücher des blutigen 20. Jahrhunderts auf schändlich-beschämende…

  • Erlebte Kirche

    Zum 90. Geburtstag Peter Henricis, des Zürcher Jesuiten, Professor für Neuere Philosophiegeschichte der Päpstlichen Universität Gregoriana, Weihbischof von Chur und Generalvikar mit Sitz in Zürich, hat sein ehemaliger Sekretär Urban Fink in der „Edition NZN“ des Theologischen Verlags Zürich unter dem Titel „Erlebte Kirche – Von Löwen über Rom nach Zürich“ einige kirchengeschichtlich repräsentative Texte herausgebracht. Henrici, ein Neffe des großen Hans Urs von Balthasar, über den er auch viel publizierte, ist ein Hegel- und Blondel-Spezialist und hatte mit seinem römischen Lehrstuhl eine breite Ausstrahlung. Karl Kardinal Lehmann hat bei ihm über Heidegger promoviert. Die entscheidenden Schnittstellen der kirchlichen Entwicklungen vor, während und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat Henrici…

  • Titelbild: Kösters, Ruff: Die katholische Kirche im Dritten Reich

    Kirche und Regime

    Die Momentaufnahme des Umschlagbildes könnte entweder den Opfergang der Katholischen Kirche im Dritten Reich versinnbildlichen, einen Gleichschritt der verschwiegenen Mittäterschaft suggerieren oder auch die Entschlossenheit, den Feinden des Kreuzes entgegenzutreten. Die Katholische Kirche im Dritten Reich ist Gegenstand der Geschichtsdeutung. Sie steht damit im Kreuzfeuer der Kritik. Besondere Wendepunkte drängen sie bisweilen mit dem Rücken zum Schicksal. Mit dem in 2. Auflage erschienen Leitfaden vertreten die Herausgeber die Absicht, eine konzise und lesbare Einführung bereitzustellen, in der Gewissheit, eine ausführliche Darstellung mittels dieser knappen Übersicht keineswegs ersetzen zu können. In chronologischer Reihenfolge behandeln zehn Beiträge das wechselvolle Verhältnis zwischen Kirche, Republik und Diktatur, deuten sie in neuer Perspektive in politischer,…

  • Prophetische Worte des emeritierten Papstes

    Am 11. April 2019, kurz vor seinem 92. Geburtstag, machte überraschend im Internet ein Text des emeritierten Papstes Benedikt XVI. zum Missbrauchsskandal der katholischen Kirche die Runde und stieß auf „sprungbereite Feindseligkeit“. Der 2013 zurückgetretene Papst nimmt nach dem Treffen aller Vorsitzenden von Bischofskonferenzen Ende Februar 2019 in Rom Stellung zu einem auch in seinen Amtszeiten die Kirche sehr belastenden Problem. Der offiziell im Münchener „Klerusblatt“ veröffentlichte Text hat drei Teile: 1. eine Analyse des gesellschaftlichen Kontextes in Folge der Kulturrevolution von 1968 mit ihren Folgen für die katholische Moraltheologie, die teilweise eine „in sich böse Tat“ (intrinsece malum) nicht mehr anerkennen wollte und damit auch den sexuellen Missbrauch relativierte;…

  • Zankapfel der Konfessionen

    Der reformierte Hagiograph Walter Nigg titulierte das schweizerische Nationalidol Niklaus von Flüe als „Zankapfel der Konfessionen“ und demonstriert damit dessen Vehikelfunktion religiös-politischer Überzeugungen. Fritz Gloor erhebt im vorliegenden Band keinen Anspruch auf eine historische Biographie, vielmehr beleuchtet der reformierte Theologe die 500-jährige Rezeptions- und Wirkungsgeschichte des Mystikers aus reformierter Perspektive. Dabei erhellen sich die konfessionellen Deutungsmuster jenseits der Glaubensgrenzen, die Bruder Klaus entweder als katholischen Heiligen oder als zivilreligiösen Visionär ins Rampenlicht stellen. Beginnend mit der Reformation bis ins 20. Jahrhundert sollte das Wasserzeichen des jeweiligen Bruder-Klaus-Bildnisses von der konfessionellen Zweiteilung der Eidgenossenschaft aufgeprägt werden. Dies hatte zur Folge, dass der Einsiedler vom Ranft katholischerseits als eucharistischer Heiliger, Prophet und…