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Das Warm-up der Französischen Revolution
Während des brütend heißen Julimonats 1789 erreichten die Temperaturen im Treibhaus des Ancien Régimes ihren historischen Siedepunkt. Unter den Sonnenstrahlen des Königs reifte unweigerlich der aufklärerische Nektar. Indes ein Souverän in Versailles der Hirschjagd frönte, rottete sich kurz vor den Iden des Juli eine Herde aufgebrachter Pariser zusammen, um Tore und Ketten des Staatsgefängnisses zu sprengen. Mit diesen Gedanken intoniert Éric Vuillard seine poetische Nacherzählung, die den Namenlosen in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt. Es sind die kleinen Kaufleute und Handwerker, die Bürger, Studenten, Arme und Räuber, die zwischen den Zinnen der Bastille hervorstechen. In einer lyrischen Namensparade lässt Vuillard die 871 „Sieger“ und 98 Toten der Bastille vom Tode…
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Neros Abgesang auf den feurigen Untergang
Ein skeptischer Blick konfrontiert den Leser, sobald er das Konterfei des Autors erblickt. Auf seiner Hand abstützend und damit den Mund verschließend, wirken seine stechenden Augen noch fragender und provokanter. Zugegeben, der Roman des moldawischen Priestermönches ist provokant und erbarmungslos, zum Teil gleitet er ins Phantastische ab. Jakob Kohner, Protagonist der Handlung, lebt als Werbeträger und Blogger in einer nicht näher umrissenen Stadt ferner Zukunft, deren Staatslenker aktiv an der Reduktion der Weltbevölkerung beteiligt sind und waren. Eine rigide Gesetzesnovelle führte nicht nur zur Sonderbesteuerung des 2. Kindes, dem Nachwuchsrecht allein für den Erstgeborenen, sondern auch zur automatischen Euthanasierung mit dem Ende des 65. Lebensjahres. Dieses Schicksal konfrontiert Jakob am…
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Spiel mit dem Grauen
Das grauenhafte Monster des Holocaust in Romanform zu zähmen, ähnelt bisweilen einem Gang übers Minenfeld der Uneigennützigkeit. Anders als Takis Würger, dessen Roman „Stella“ im feuilletonistischen Sperrgürtel Schiffbruch erlitt, passiert das Werk des israelischen Autors und Rechtsanwalts diese Blockade. Umfangsmäßig ist der Band kein „Monster“, sondern ein kleiner Faszikel mit anhaltender Sogwirkung. Im Zentrum der Erzählung steht ein Jerualemer Historiker, der nach brillanter Promotion über die Todesmechanismen der Konzentrationslager nun als gefragter Reiseleiter in Auschwitz, Birkenau und Treblinka für das Auskommen seiner Familie in Israel sorgt. Als Guide an den Stätten des Grauens erlebt und durchleidet der Protagonist die verkitschten Rituale der Erinnerung und das heilige Entsetzen über die menschliche…
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und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt…
Alfreds Familie steckt der Übergang von „Lust zum Frust“ in den Genen. Trotzdem lebt Alfred von Ärmel in der Fantasiewelt, ein Held zu sein. Alfred größtes Vorbild ist die heroische Spitze seiner Sippe und zugleich sein Namensvetter: der „Schlächter von Marignano“, der im Jahr 1515 vierzig Franzosen mit seiner Hellebarde erschlug. Nun ist Alfred aber alles andere als ein Matador, sondern jüngster Spross reicher Berner Patrizier, der vom Dolch der Ironie aufgespießt wird. Neben seinem kauzigen Vater, einem frühpensionierten Winkel-Fabrikanten, der vom Imkerdasein träumt, und seiner eleganten Mutter, einer umschwärmten Salondame, die tonangebend ihren Ästhetizismus der Familie aufzwingt, sowie seinem hypersensiblen Bruder Thomas, einem Geigenvirtuosen und neuem Paganini, steht Alfred…
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Auf der Spur des letzten Glücks
„Lautlos ließ sich Robert aus der Hocke rücklings auf den Boden gleiten, rollte sich zusammen und zog die Beine an den Rumpf, bereit, Waffe und Körper des anderen mit der Macht seiner Beinmuskulatur von sich zu schleudern. Nichts rührte sich. Wenn doch nur ein winziger Lichtschein Orientierung böte! Angestrengt lauschte Robert, ob er nicht wenigstens den fremden Atem vernähme.“ Diese Zeilen stammen nicht etwa von einem bekannten Thriller-Autor, sondern aus der Feder des Münchner Professors für Pastoraltheologie, Andreas Wollbold. Nach zahlreichen Fachbüchern hat er seinen Debütroman „Felapton oder Das letzte Glück“ veröffentlicht. Dass Theologen plötzlich anfangen, Kriminalromane zu schreiben, passiert in jüngster Zeit häufiger. So ließ etwa der Augsburger Religionspädagoge…