Der Sold der Sünde

Robert Louis Stevenson hat sich als Ahnherr neuzeitlicher Abenteuerliteratur und Reiseerzählung einen Platz in der Weltliteratur errungen. „Die Schatzinsel“ beflügelte die Phantasie unzähliger Generationen und Drehbuchautoren. Auch in seinem Werk „Der Flaschenkobold“ liegt ein verheißungsvoller (theologischer) Schatz vergraben. Angeführt wird die Novelle vom Protagonisten Keawe, der als hawaiischer Seemann eine nebulöse Flasche erwirbt. Ist man erst in ihrem Besitz, lässt sich jeder Wunsch erfüllen. Der vorige Eigentümer, ein alter Herr samt prächtigem Haus, rät, die Flasche jedoch vorzeitig abzustoßen, denn jeder, der mit ihr im Gepäck das Zeitliche segnet, ist sich der Hölle gewiss. Die Crux dabei: Die Flasche ist auf keinem natürlichen Weg zerstörbar, allein durch einen Verkauf wechselt sie den Besitzer und auch nur, wenn sie billiger als zuvor ihren Herrn wechselt.

Nachdem der Matrose seine Wünsche erfüllt hatte und nun ebenfalls in einem prächtigen Haus wohnt, verkauft er die Flasche an seinen Freund Lopaka. Sein Glück ist aber nur von kurzer Dauer. Er entdeckt erste Anzeichen von Lepra an seinem Leib und kann seine zukünftige Frau Kokua deswegen nicht ehelichen. Der einziger Ausweg: Die Flasche mit dem Flammen der Hölle wieder zu finden und ihrem Schicksal erneut zu verfallen. Fürstliche Häuser, nebulöser Reichtum und niedergeschlagene Personen weisen den Weg zur Quelle des vermeintlichen Glücks. Aus Liebe erwirbt Keawe schließlich um ein einzelnes Centstück die Phiole. Der Kobold gehorcht ihm, der Aussatz wird geheilt, Keawe und Kokua heiraten.

Nun bedrückt das drohende Schicksal den Verdammten. Nachdem seine Frau das Geheimnis und den Grund seiner Verzweiflung entdeckte, ergreift sie die „rettende Initiative“ und berichtet von den französischen Südseeinseln und einer noch kleineren Währungseinheit, der Centime. Weil aber jeder Käufer vorab aufgeklärt werden muss, winken alle Interessenten ab. Der Aussatz kehrt auf anderer Ebene zurück; das Ehepaar wird gemieden, weil sie das Lebenszerstörende in sich trägt. „Catholics crossed themselves as they went by“. Abermals ist Keawe Träger der Verwesung, er trägt den Tod an seiner Seele und bringt ihn zu den Anderen. Kokua opfert sich, springt in die Waagschale und erwirbt über einen Strohmann die Flasche für 3 Centimes. Keawe löst das Rätsel des überraschenden Handels und beschließt nun seinerseits, die Flasche über einem Mittelsmann, einem trunksüchtigen und harschen Matrosen, für 2 und später 1 Centimes zu kaufen. Doch der rohe Bootsmann will sich des magischen Behältnisses nach einer hervorgezauberten Flasche Rum keineswegs entledigen. Der Walfischfänger ist seiner Höllenfahrt auch ohne dem Behältnis gewiss: „I reckon I’m going anyway … So off he went down the avenue toward town, and there goes the bottle out of the story.

„Der Flaschenkobold“ thematisiert Kontingenz, Bewältigung, Schuld und Allmacht auf paradoxe Weise. Jeder Besitzer entledigt sich mit Einverständnis des Kaufes seiner Geschöpflichkeit, er avanciert zum „Omnipotenten“, jedoch als kontingenter Untertan des Flaschenteufels. Zwar kann er das neue Leben genießen und es sich wohl gehen lassen, dass dabei die Ablaufzeit des Glücks eine rapide Halbwertszeit aufweist, wird ausgeklammert. Er will die Fesseln der Unfreiheit abwerfen und verstrickt sich in die Fesseln der Finsternis. An dieser Stelle wird die Deckungsgleichheit jeder Sündengeschichte manifest. Mit bedachter Zustimmung zur Sünde, bei vollem Bewusstsein (vgl. KKK 1857), erwirbt der Mensch die Knechtschaft des Todes zum Preis seiner Gotteskindschaft. Sein erfüllter Wunsch ist dabei so nebulös wie der Rauch in der Flasche. Der Rausch des Glückes währt kurz, denn der Teufel ist der Vater der Lüge (vgl. Joh 8,44). Parallel zum Verlust der göttlichen Tugend der Liebe und der heiligmachenden Gnade (vgl. KKK 1861), trennt sich der Mensch von Gott, dem Quell des Lebens. Keawes Aussatz ist ein äußeres Symbol der ontologischen Veränderung, der Krankheit der Seele. Darüber hinaus entspringt aus dem Kauf-Verkauf-Motiv auch die soziale Komponente der Sünde, die nie im persönlichen Bereich bleibt, sondern auch das Umfeld des Menschen affiziert: „So macht die Sünde die Menschen zu Komplizen und läßt unter ihnen Gier, Gewalttat und Ungerechtigkeit herrschen. Die Sünden führen in der Gesellschaft zu Situationen und Institutionen, die zur Güte Gottes im Gegensatz stehen. «Sündige Strukturen» sind Ausdruck und Wirkung persönlicher Sünden. Sie verleiten ihre Opfer dazu, ebenfalls Böses zu begehen. In einem analogen Sinn stellen sie eine «soziale Sünde» dar.“ (KKK 1869) Nachdem Kokua die Tragik erkennt, greift sie zur Liebestat, zum Selbstopfer, kauft die Flasche, um stellvertretend den Sold der Sünde zu begleichen, jedoch ohne die Sünde an sich aus der Welt zu schaffen. Offen bleibt die Frage, ob der Bootsmann und der Flaschenteufel gemeinsam in die ewige Verdammnis verbannt werden oder nur der arme Sünder.

Das Volk Israel war sich dessen Brisanz bewusst: Der Mensch, der die Sünde in die Schöpfung gelassen hatte, konnte sie aus eigenem Antrieb nicht entfernen. Dieser stiller Hilferuf aus tiefster Not wird im Psalm 130 laut, indem Gottes Barmherzigkeit angerufen wird, Israel aus all seinen Sünden zu erlösen und den Frieden Gottes auf Erden zu bringen. In der Universalität der Menschheit bräuchte es einen konkreten Menschen, der die Sünde auf sich nimmt und der Welt den Frieden schenkt, den sie sich nicht geben kann. Der Friede, „ … das «Salem» Gottes, ist der Leib Christi, die Eucharistie ist der Friede Gottes mit dem Menschen. … Hier hat Gott selbst sein Zelt in der Welt geschaffen.“ (Papst Benedikt XVI.) Jesus soll er genannt werden, sagt der Engel dem Josef, „denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen“ (Mt 1,21).

Florian Mayrhofer

Stevenson, Robert Louis: Der Flaschenkobold. Reclam Verlag 2014, 74 Seiten, € 3,80 ISBN: 978-3150192511

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