Kernmysterium der Kirche

Der von Hans Urs von Balthasar gegründete Johannes Verlag in Einsiedeln trägt neben dem Erbe des Schweizer Theologen auch zur Edition christlicher Meistertexte bei. Übersetzt wurde der vorliegende Doppeltraktat des doctor universalis durch Marianne Schlosser (Wien), eingeleitet von Ruth Meyer (Mitglied des Bonner Albertus-Magnus-Instituts). Dem Leser liegt somit eine sorgfältige und zugleich moderne Übersetzung eines Textes vor, dessen Urheberschaft seit 1955 im Expertenkreis diskussionswürdigen Revisionen unterzogen wird. Auf Streitigkeiten der Autorenschaft gehen die Herausgeber jedoch nicht ein, sie wollen primär eine Lektüre für die geistliche Lesung bereitstellen. Infolgedessen wird im Kommentar „Über die Heilige Messe“ auf inhaltliche Wiederholungen, ausufernde Exkurse sowie auf die Sammlung biblischer Belegstellen verzichtet, Auslassungen jedoch in kursiven Sätzen erläutert. Diese Intention wird auch in den ausgewählten Passagen „Über den Leib des Herrn“ ersichtlich.

Albertus Magnus reagiert in seinen beiden Texten auf eine pastorale Notwendigkeit seiner Zeit, die mit der grassierenden Unkenntnis „heiliger Dinge“ unserer Tage korrespondiert. An dieser Stelle erweist sich der Universalgelehrte als Bischof und Seelenhirte, als bibelkundiger Schriftgelehrte und Meister der Kirchenväter, indem er dem Gläubigen einen Schlüssel zur mystischen Betrachtung der Heiligen Geheimnisse anbietet. Ausgehend vom Gedanken des „heiligen Schauspiels, das sich vor den Augen der Teilnehmer abspielt“ (Jungmann), deuten mittelalterliche Messerklärungen das heilsgeschichtliche Drama; angefangen bei den liturgischen Gegenständen, hin zum liturgischen Ort des Geschehens, der Gewandung, bis zur Körperhaltung und Gestik des Priesters. Dieser „rememorativen Deutung“ folgt Albertus Messerklärung Stück für Stück, jedoch nur dann, insofern sie im Ritus begründet ist und keinesfalls „lächerlich“ wirkt, sondern zur andachtsvollen Mitfeier verhilft.

An manchen Stellen zeigt der Gelehrte dieser Deutungspraxis ihre Grenzen auf, z.B. während der allegorischen Betrachtung des neunstufigen Kyrie, das er nicht krude mit den neun Chören der Engel identifiziert. Albertus fragt präziser, warum dieser Part in griechischer Sprache intoniert und Jesus mit dem Christustitel besungen wird. Liebhaber ausgeprägter liturgischer Symbolik werden besonders in der Exegese der Evangelienprozession und dessen Verkündigung belohnt, liturgisch unbewanderte Leser hingegen die liturgische Tiefensymbolik entdecken.

Albertus legt den Schwerpunkt im dritten und letzten Teil der Betrachtung auf den eucharistischen Opfergottesdienst. „Bei dem Wort «Leib» wird ein Kreuzzeichen gemacht über der Brotsgestalt, zum Zeichen, dass die Fülle des Segens vom Priester weiter fließt auf den Mystischen Leib. Bei den Worten «mit allen Segen» aber bekreuzigt sich der Priester selbst über sein Angesicht, zum Zeichen dafür, dass diese Gnade von Gott her auf ihn fließt, einen schwachen Menschen, der für sich und das Volk Opfer darbringt.“

Der zweite Traktat über den Leib des Herrn folgt dieser straff gegliederten, nüchternen und sachlichen Praxis, dokumentiert dabei eine feinziselierte Systematik auf akademischem Niveau. In diesem Duktus betrachtet der Bischof das Altarsakrament in seinen verschiedenen Bedeutungebenen: als Gabe und Geschenk, als Opfer, Speise sowie Trank, ebenso als Kommunion und Sakrament. Im Unterschied zur Messbetrachtung vermittelt der Kommuniontraktat das universale Wissen des Theologen im physiologischen, medizinischen und philosophischen Aspekt und transportiert weniger praktische, vielmehr theoretische Überlegungen zur Eucharistie. So wird zum Beispiel die Frage erörtert, inwiefern Akzidentien (sichtbare, berührbare und verkostbare Eigenschaften) des Brotes nach der Wandlung bestehen bleiben können, obwohl von der Substanz her kein Brot mehr vorhanden ist.

Das Doppelwerk über die Eucharistie zählt zu den schönsten Zeugnissen eucharistischer Frömmigkeit und Theologie des Mittelalters und versetzt den Leser immer wieder in ehrfürchtiges Staunen ob des liturgischen Reichtums, der nun dem Verstand offenbar wird. Die Lektüre schafft Zugang zum tieferen Verständnis des „heiligen Schauspiels“, zumal sich die Liturgiereform des Zweiten Vatikanums diesem Ritus verdankt.

Florian Mayrhofer

Schlosser, Marianne / Meyer, Ruth / Albertus Magnus: Über die Eucharistie. Kommentar zur heiligen Messe „De mysterio missae“ und ausgewählte Passagen aus „De corpore Domini“, Johannes-Verlag 2. Auflage 2018, 303 Seiten, € 16,- ISBN: 9783894114381

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