Josef Kentenich: Apostel, Pädagoge, sanfter Rebell

Eine lesbare ausführlichere Biographie des ehemaligen (bis 1965) Pallottinerpaters Josef Kentenich (1885-1968), des Gründers des marianischen Wallfahrtsortes Schönstatt bei Vallendar /Rh. und der von dort ausgegangenen internationalen apostolischen Schönstattbewegung, ist seit langem ein Desiderat. Es gibt viele Einzelstudien zu seiner Person und seinem Werk, historische Skizzen, Lexika und auch ein wissenschaftlich arbeitendes „Josef-Kentenich-Institut“ (JKI), aber außerhalb der eigenen Verlage in Vallendar keine breitere Darstellung des charismatischen Gründers.

Jetzt publiziert 50 Jahre nach dem Tod Josef Kentenichs der Herder-Verlag eine spannende erzählerische Biographie aus der berufenen Feder von Dorothea M. Schlickmann, die sich durch ihre ausgezeichnete Dissertation zur Pädagogik Kentenichs („Die Idee von der wahren Freiheit“, Vallendar ³2007) und ausführliche biographische Kentenich-Studien als Fachfrau ausgewiesen hat. Der in einfachen, aber liebevollen Verhältnissen in Gymnich/Rheinland aufgewachsene Josef Kentenich wurde als „Gottes sanfter Rebell“ (Christin Feldmann) gesehen, als „Reformator der kirchlich-religiösen Erziehung“ (65) und Prophet eines neuen Kirchenbildes, das erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil Verständnis und Akzeptanz fand. Schlickmann wählt mit Bezug auf Friedrich Nietzsche („Baut eure Städte an den Vesuv“, Fröhliche Wissenschaft, 4.Buch) den Untertitel „Ein Leben am Rande des Vulkans“. Bedrohungen, extreme Gefährdungen von innen und außen, Durststrecken und Dunkelheiten prägten Kentenichs Lebenslauf. Der damalige NS-Staat verhaftete ihn fast vier Jahre im KZ Dachau, das „Heilige Offizium“ der Kirche verbannte ihn aufgrund von Denunziationen vierzehn Jahre nach Milwaukee/USA.

Schlickmann schildert einfühlsam eine schwierige Kindheit in Licht und Schatten, mit notwendig gewordenem Waisenhausaufenthalt in Oberhausen und Koblenzer Internat der Pallottiner, wozu ein befreundeter Pfarrer der Mutter riet, da aufgrund seiner nichtehelichen Geburt nur so sein Traum des Priesterberufes realisierbar war. Im Noviziat folgen Missverständnisse aufgrund seiner Eigenwilligkeit, er ringt einsam um geistige Erkenntnis, seine schwache Gesundheit durch Tuberkulose hätte fast Profess und Weihe verhindert. Schon früh regt sich seine pädagogische Leidenschaft und macht ihn bei den anvertrauten Jugendlichen beliebt (58-84). Aus der Gründung einer marianischen Kongregation (MC) nach dem Vorbild der Jesuiten entstand nach der zufälligen Lektüre über die Entstehung des Wallfahrtsortes Valle di Pompei durch die Initiative eines Rechtsanwaltes der Gedanke, das in Vallendar zur Verfügung gestellte Michaelskapellchen durch ein marianisches „Liebesbündnis“ zu einem Bezugspunkt der Selbsterziehung und Selbstheiligung zu machen. Als Europa „schlafwandlerisch“ in die Katastrophe des Weltkrieges abrutschte, wagten während ihres Heimaturlaubs religiös motivierte junge Menschen mit ihrem Spiritual am 18. Oktober 1914 einen spirituellen Neuaufbruch und hatten dabei das Ideal eines „neuen Menschen in einer neuen Gemeinschaft“ vor Augen. Bald danach wurden ein apostolischer Bund und eine apostolische Liga, schließlich 1926 als erster Verband ohne Ordensgelübde die Marienschwestern gegründet. Immer wird der Ruf des Augenblicks und der zwischenmenschlichen Konstellationen bei den Initiativen aufgegriffen, mit Thomas von Aquin auf die geschöpflichen Zweitursachen geschaut, ohne die göttlich-übernatürliche Erstursache dabei aus dem Blick zu verlieren. Alles geschah mit Billigung und Unterstützung durch die pallottinische Provinzleitung. Kentenich, der auch beim Bonner Theologen Arnold Rademacher (110) und dem Reformpädagogen Friedrich Wilhelm Förster (65) Unterstützung fand, inspirierte durch viele Exerzitienvorträge für Priester und Laien die stetig wachsende Bewegung, die ab 1933 zunehmend ins Visier der Hitler-Diktatur geriet: „Schönstatt ist der größte Feind des Nationalsozialismus“ (151). Dem falschen Führerprinzip wurde mit Väterlichkeit, dem Herrenmenschentum mit Kind-Sein widersprochen (138). Wegen Verweigerung des Fahneneides wurde der Österreicher Pater Franz Reinisch zum Tode verurteilt (144-150).

Kentenich wurde im September 1941 verhaftet und für vier Wochen von der Gestapo in Dunkelhaft gehalten, die er nur durch seine starke Religiosität überstand. Da schon andere Mitbrüder im KZ-Dachau waren, entschied er am 20. Januar 1942, eine angebotene Arztuntersuchung zur Krankschreibung nicht zu beantragen (175-181). Entscheidend war ihm der Glaube „an die Realität der Übernatur und der Schicksalsverwobenheit der Glieder unserer Familie“ (179). Die schönstättische Spiritualität des Liebesbündnisse mit Maria, mit dem dreieinigen Gott und untereinander wird gerade in der Verfolgung konkret. Schlickmann schildert ausführlich die schrecklichen Dachau-Jahre, in denen Kentenich und die Seinen „Arche und Leuchtturm inmitten einer Hölle“ (194) waren, Gebetstexte verfassten („Himmelwärts“) aber auch neue Gemeinschaften gründeten (Marienbrüder, Familienbund). Nach der Befreiung kurz vor Kriegsende machte Kentenich Besuche bei den südamerikanischen Pallottinerprovinzen und widmete sich dem weiteren Wachsen und der Vertiefung seiner Gründungen. Am 31.Mai 1949 schreibt er nach Beschwerden und Anfragen aus Chile einen sehr langen Brief zum organischen Denken an den deutschen Episkopat, der wohl indigniert war, von einem einfachen Pater ohne theologische Promotion derart deutlich belehrt zu werden. Der schon länger virulente und vom Freiburger Erzbischof Conrad Gröber während der Dachau-Gefangenschaft in einem Schreiben an den „Hochwürdigsten großdeutschen Episkopat“ (!) und das „Heilige Offizium“ formulierte Argwohn gegen die für den Episkopat wenig greifbare Bewegung wird von Schlickmann detailliert beschrieben. Eine rivalisierende Generaloberin der Marienschwestern und eine ausgetretene Schwester haben zudem Kentenich beim Trierer Weihbischof Bernhard Stein denunziert und so kommt schließlich die von den Bischöfen schon länger gewünscht römische Visitation in Gang, durchgeführt vom zunächst noch wohlwollenden, dann aber nach weiteren Intrigen immer skeptischeren und ablehnenderen Jesuiten Sebastian Tromp vom „Heiligen Offizium“ (heute Glaubenskongregation). Kentenich wird aus Schönstatt ausgewiesen und muss sich für insgesamt vierzehn Jahre in die nordamerikanische Pallottinerprovinz nach Milwaukee ins „Exil“ begeben. Schlickmann schildert auch diese schmerzhafte Entwicklung sachlich und ohne Bitterkeit. Das Zweite Vatikanische Konzil, viele Freunde und Unterstützer auch im Episkopat, besonders Joseph Höffner, in dessen Münsteraner Bistumsklerus Kentenich 1965 aufgenommen wurde, brachten nach vielem Hin und Her schließlich die Wende. Nach einer kurzen Audienz bei Papst Paul VI. konnte am Heiligabend 1965 die „Heimkehr“ (319-337) ins geliebte Schönstatt stattfinden. Drei intensive Jahre der Begegnungen wurden ihm noch geschenkt, dann verstarb Pater Josef Kentenich nach der Feier der Eucharistie in der Sakristei der neuen Anbetungskirche auf Berg Schönstatt am 15. September 1968 an einem plötzlichen Totalinfarkt. Das Requiem hielt sein ehemaliger Gegenspieler, der Trierer Bischof Bernhard Stein, der 1975 auch seinen Seligsprechungsprozess eröffnet hat. Letztere wäre nicht nur eine Würdigung des der Kirche und dem Pallottinerorden geschenkten Charismas, sondern auch eine mehr als gerechte Wiedergutmachung an einer der größten und international fruchtbarsten deutschen Priestergestalten des 20. Jahrhunderts. Die Biographie des prophetischen Gründers, Religionspädagogen und Marienapostels von Dorothea M. Schlickmann bildet dazu einen Anstoß und Weckruf. Auch zu der nach der aktuellen Missbrauchskrise geforderten Neuausrichtung können Kentenich und Schönstatt mit ihrer Bündnispädagogik einen hilfreichen Beitrag leisten.

Stefan Hartmann

Schlickmann, Dorothea M.: Josef Kentenich. Ein Leben am Rande des Vulkans, Herder 2019, 342 Seiten, € 24,00 ISBN 978-3451383885

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