Impressionen einer hinfälligen Welt

Ferdinand von Schirach ist ein Meister der geschliffenen Sprache. Seine Gedanken gleichen gläsernen Mosaiksteinen, die das Licht unserer Gedankenwelt aufnehmen, jedoch im anderen Farbspektrum widerspiegeln. In wenigen Sätzen vermag der Dichterjurist die elementaren Fragen des Lebens zu stellen. Im Anschluss an seine vielbeachteten Erzählbände „Verbrechen“ und „Schuld“, komplettiert „Strafe“ die Trilogie zur menschlichen Kontingenz. Die zwölf ornamentalen Prosatücke ergeben zusammengefügt ein differenziertes Bild vom Menschen. Sie verdeutlichen, wie schwer es sein kann, einem Menschen gerecht zu werden, wie voreilig unsere Begriffe von „gut“ und „böse“ oft sind.

In Schirachs „Stories“ sitzt der Leser abwechselnd auf der Bank des Staatsanwaltes, des Richters, dann wieder mit dem alles entscheidenden Wissensvorsprung in den Reihen der Prozessbeobachter. In ruhiger, distanzierter Gelassenheit, mitunter voller Empathie vermitteln die Einzelschicksale das Streben nach Glück und dessen Scheitern, eine abstrakte Fremdheit inmitten der Gesellschaft und eine existenzielle Einsamkeit, die jeweils am Ausgang des Verbrechens steht. Schirach spannt den Handlungsstrang vom trinkfesten, gestrandeten Anwalt, der seinen zu Unrecht angeklagten Mandanten nur mit dem Hinweis eines freilaufenden Mörders retten kann, bis hin zum rumänischen Mädchenhändler, der jedoch auf Grund eines Verfahrensfehlers einer Haftstrafe für immer entrinnt. Neben dem Beruf als Schriftsteller ist Schirach Anwalt und dadurch der Wahrheit und der Verteidigung verpflichtet. Mitunter zerreißt dieser Spagat unser Gerechtigkeitsempfinden, wenn z.B. Tonbandaufzeichnungen belastender Selbstgespräche eines Mordverdächtigen als gerichtlich nicht belastbares Material zurückgewiesen werden. Begründung: die Gedanken eines Menschen sind Intimsphäre und anders als Tagebücher, nur gesprochene Gedanken (soliloquien). Der Rechtsstaat unterscheidet sich vom Unrechtsstaat dadurch, dass er die Wahrheit nicht um jeden Preis ermitteln darf. Ergo: Freispruch, trotz eindeutiger Beweislast.

In einer tänzerischen Unregelmäßigkeit touchieren die Erzählungen die Sphäre des Religiösen. Besonders „Der Taucher“ transportiert starke Passionsbezüge. Unterstützt wird dies durch eine zeitliche Einordnung zwischen Karfreitag und Ostermontag. Vom Kreissaal ausgehend nimmt die Tragik ihren Lauf und endet mit dem Selbstmord, eigentlich der unwillentlichen fahrlässigen Tötung während einer verqueren Sexualpraktik. Schirachs Kurzsatzstil erzeugt nicht nur in dieser Episode eine (manchmal nicht jugendfreie) Atemlosigkeit. Der Literat illustriert verschiedenen Perspektiven auf Recht und Justitia und schürt damit die Frage nach der ewigen Gerechtigkeit.

Florian Mayrhofer

Schirach, Ferdinand von: Strafe. Stories, Luchterhand Literaturverlag 2018, 192 Seiten, € 18,- ISBN: 978-3630875385

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.