Jesus, der Unbekannte

Die meisten Jesus-Bilder lassen sich in drei Kategorien einteilen. SAIDs Charakterisierung des Nazareners hat weder den ultimativen Hang zum skandalösen oder dem restlos-vertrauten Jesus noch eine Affinität zu den nah-fremden Darstellungen, die uns in Dostojewskis „Idiot“ oder in der Trilogie Patrick Roths begegnen. SAIDs Jesus lässt sich in keine dieser Rubriken einordnen. Aus seiner Feder entspringt ein nu­an­cen­reiches Geflecht aus vertrauten, provokanten und fremden Eigenschaften. Der iranischstämmige Autor trifft herausfordernd pointiert Jesu Naturell für den Menschen des 21. Jahrhunderts.

SAIDs Jesus thematisiert keine kurzatmigen Skandale. Er ist nicht der entzauberte „Hawara“ oder ein austauschbarer Schatten seiner selbst. Jesus hat Fleisch und Knochen und steht diametral dem konventionellen Klischee gegenüber. Darum treffen Jesu Worte auch das Herz und berühren die Seele. In Anlehnung an die Bergpredigt und die Ich-bin-Worte ist Jesu Verkündigung eine prädikative Selbstbestimmung. Er ist der „barfüßige Jude“, der auf zweifelhafte Ehrungen verzichtet, umherzieht und von Liebe erzählt. Er ist aber auch derjenige, der uns wie Fasane samt unseren Habseligkeiten vor sich hertreiben wird. Der unerschütterliche Weggefährten auf seinem Zug durch die Zeit braucht, weil er, und nicht unser Besitz, der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Er wird uns „neue Augen schenken für meine alte Wahrheit“, denn „meine Auferstehung ist eine zärtliche und radikale Annäherung an den Menschen, ohne Tiara, ohne Purpur“. „Ich bin der Weg und die Befreiung und ich verkünde das neue Licht – zur Not auch ohne Euch.“ Nachfolge erschöpft sich nicht, im Schatten der Wunden Jesu Entspannung zu suchen. SAID vertauscht das altersschwache Jesusbild mit einem agilen und renitenten Temperament. Indirekt überführt er mit Xenophanes von Kolophon unsere transzendierende Projektionssucht und provoziert das eigene Gottesbild.

Dass ein nicht praktizierender, aber religiöser Moslem als Autor keine dogmatischen Wahrheiten verkündet, versteht sich von selbst. Jesus ist „kein Gottessohn“, sondern Spross eines jüdischen Handwerkers. Auch seine Perspektive auf Judas und dessen Revolte harmoniert nicht mit tradierten Vorstellung. Der Autor bleibt seinem Ansatz treu herauszufordern, aber auch Jesu Liebe zu vermitteln. Als Schutzengel der Liebenden will Jesus keine harmlose Bekundung, vielmehr einen „Aufruhr der Liebe“ und dadurch Befreiung. An dieser Stelle korrespondiert die Sehnsucht eines Exil-Iraners, der die Theokratie der Mullahs ablehnt. Hier wird die poetische Stimme laut: Revolution, Befreiung und Religion, die auf Liebe vergisst, geht am Geheimnis der Einheit zwischen Mensch und Gott vorbei.

Florian Mayrhofer

Said: Ich, Jesus von Nazareth. Echter Verlag 2018, 59 Seiten, € 12,90 ISBN: 978-3429044527

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