Grübeln in den Gräbern

Robert Seethaler entrückt den Leser mit seinem jüngsten Roman in eine stumme Welt, die von der Wahrheit des Lebens Zeugnis gibt. Lüge hat hier keinen Platz mehr. Womöglich wiegen Seethalers Worte in ihrer „unsentimentalen Einfachheit“ (Elke Heidenreich) deswegen auch so schwer. „Das Feld“ handelt von den letzten Dingen, von Gedanken, Emotionen, Hoffnung, Liebe, ein wenig Glauben und der Annahme, dass die Toten im Jenseits lebendig sind. Der österreichische Schriftsteller schenkt ihnen am Gräberfeld ihre Stimme zurück, sodass die Totgeglaubten wieder zum Leben erwachen. In ihrer je persönlichen Eigentümlichkeit und Sprache versammeln sich 29 Einwohner einer fiktiven Provinzstadt am Feld der Jenseitigkeit. Während der Lektüre verweben sich die Kurzgeschichten zu einem Strickmuster von Querverweisen und Entwirrungen. Der Leser wird in die Geschichte von Paulstadt ebenso wie in das Leben der „Toten“ mit hineingenommen. Der Erzählungsrahmen spannt sich vom tragischen Tod eines ertrunkenen Kindes und dem stillen Verscheiden der Blumenhändlerin über einen Redakteur, den Bürgermeister, die Dorfschönheit, den skurrilen Pfarrer, hin zum orientalischen Gemüsehändler, der in Liebe schwelgenden Jugend bis zur 105-Jährigen Greisin im Sanatorium.

Obwohl jedes Prosastück in sich abgeschlossen ist und nur facettenartig Einblicke gewährt, kehren die Protagonisten als Neben- und Randfiguren in den einzelnen Erzählungen wieder und entschlüsseln das Geheimnis des Lebens. Die somit erzeugte Spannung fügt sich harmonisch in die von „großer Einfachheit und karger Schönheit“ (Iris Radisch) durchwirkte Sprache und lässt den Leser zur Ruhe kommen. Realität und Tragik des Todes vermitteln dabei keine Übermacht des Thanatos, wenngleich an manchen Stellen der Würgeengel rhetorisch die Bühne betritt; so zum Beispiel bei Bernard Silbermann, der mit seiner Frau Camille einseitig Monolog hält und vom Leben seiner Gattin abgeschnitten wird. Sie verlässt ihn am Grab, verkauft das Haus und sagt, es werde einmal im Monat jemand das Moos aus den Ritzen kratzen und den Stein polieren. Hier wird die Tragik des menschlichen Lebens manifest, die anthropologische Realität des konfusen Zweifelns, wenn die Entschlafenen ihren Ruheplatz nur im Gedächtnis und im Herzen der Hinterbliebenen finden. Trotzdem vermittelt Seethaler keine Totengräber- oder Friedhofsstimmung. „Das Feld“ bezeugt das Leben und seine Wahrheit und kann im Menschen die Frage aufkeimen lassen, wohin unser Weg führen wird, ob wir nicht zu Höherem bestimmt sind, als in den Gräbern zu grübeln.

Florian Mayrhofer

Seethaler, Robert: Das Feld. Roman, Hanser 2018, 238 Seiten, € 21,- ISBN: 978-3446260382

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