125 Volt gegen den Zeitgeist

Asfa-Wossen Asserate, seines Zeichens äthiopischer Prinz und Deszendent des davidischen Königshauses, verdanken wir den Hinweis, dass unsere Manieren maßgeblich auf christliche Wurzeln zurückgehen. In seinem vielbeachteten Buch „Manieren“ (Erstveröffentlichung 2003) liefert der Kulturphilosoph an bedeutenden Stellen Anknüpfungspunkte zur christlichen Theologie. Dass sich Manieren, Etikette und Anstand in der Öffentlichkeit zur Conditio-sine-qua-non etablierten, verdankt Europa der hohen Ästimation des weiblichen Geschlechts, der katholischen Mariologie. Der Goldene Faden des höfischen Zeremoniells rund um Unsere Liebe Frau hatte sich sodann vom Burgfräulein bis zur „gewöhnlichen“ Dame weiter gesponnen.

Alexander Pscheras literarisch-philosophische Essaysammlung mit dem spannungsgeladenen Titel „Vergessene Gesten: 125 Volten gegen den Zeitgeist“ thematisiert die vom Aussterben bedrohte Gestik und Wortvielfalt in unserer zutiefst konformistischen Gesellschaft. Martin Mosebach bemerkt in seinem Vorwort treffend, dass es „keine societas mehr gibt, weil die Vereinzelung des radikal individualistischen Nerds, der sich im Grenzenlosen bewegt und dafür keinen Mitmenschen mehr sehen muss, zur bestimmenden Lebensform geworden ist“.

In kunstfertig geschliffenen Miniaturen entrollt der promovierte Germanist eine Palette stilistischer Kleinode: „den Spazierstock zu schwingen“, „bunte Kniestrümpfe zu tragen“ oder thematisiert halbtote Redewendungen „Eulen ans Hoftor nageln“. Sofern der Leser Nostalgie und Weltschmerz verorten würde, der Staub der Reminiszenz verflüchtigt sich sehr schnell angesichts einer humorvoll ironischen Gegenwartskritik zwischen den Zeilen.

„Sie wirken wie eine Erinnerung an die in Deutschland seit langem schon abgeschaffte Todesstrafe – jene einsamen auf den Großstadtbalkons baumelnden Sakkos und Jacken, denen die frische Nachtluft den hartnäckig im Stoff sitzenden Tabakqualm austreiben will. Ihre schlaffen Konturen und ihr willenloses Schaukeln im Wind gemahnen aus der Ferne fraglos an Erhängte. Sie sind stumme Zeugen nächtlicher Eskapaden, mit denen man am folgenden Tag nichts mehr zu tun haben will, und so kommt die Quarantäne des finsteren alter ego tatsächlich einer Hinrichtung gleich – eine Auslöschung der dunklen Seite des Ich.“

Pscheras humorvoll-sarkastische Brücke zwischen anno Tobak und heute besticht in brillianter Heiterkeit und Liebe zum Detail. Seine regelmäßigen Beiträge in „Cicero“, „Cato“ und „Deutschlandfunk Kultur“ plädieren für eine Fortsetzung.

Florian Mayrhofer

Pschera, Alexander: Vergessene Gesten. 125 Volten gegen den Zeitgeist, DVB 2018, 192 Seiten, € 22,- ISBN: 978-3903244009

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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