Brüder im Geiste

Mit zwei ausführlichen Kommentaren und Erweiterungen aus lateinamerikanischer und europäischer Sicht veröffentlicht der von Hans Urs von Balthasar gegründete „Johannes Verlag Einsiedeln“ (Freiburg) einen zentralen Text des heutigen Papstes Franziskus „Über theologischen Pluralismus und lateinamerikanische Ekklesiologie“ aus dem Jahr 1984, in dem die Auseinandersetzungen um die teilweise marxistische „Theologie der Befreiung“ durch eine erste vatikanische Instruktion ihren Höhepunkt erreicht hatten. Der damalige Jesuit Bergoglio ging darin von Balthasars Werk „Die Wahrheit ist symphonisch. Aspekte des christlichen Pluralismus“ (Einsiedeln 1972) und dem Aufsatz Karl Lehmanns „Die Einheit des Bekenntnisses und der theologische Pluralismus“ (in der Eugen Biser-Festschrift, Regensburg 1983) aus, um zwischen europäischer und südamerikanischer Theologie ein vermittelndes Gespräch in Gang zu setzen. Als Balthasars zentrale Kriterien im theologischen Pluralismus sieht er die „Mitmenschlichkeit“ und die „Maximalität“ der Liebe Gottes in Jesus Christus. Diese bleibt zwar ein Geheimnis, konkretisiert sich aber unideologisch in der Zugehörigkeit zur Kirche im „historisch und gesellschaftlich gegliederten Volk“, wie es das Schlussdokument der III. Generalkonferenz des lateinamerikanischen Episkopates in Puebla 1979 festgehalten hat. Darin besteht mit der Berufung zur Einheit auch die „Identität des Christen“ (31), was Bergoglio dann anhand der Pueblo-Texte weiter ausführt.

In seinem Kommentar „Die christliche Gestalt der Einheit“ (41-97) zieht aufgrund dieses Aufsatzes, der theologischen Entwicklung Lateinamerikas und des grundlegenden päpstlichen Schreibens „Evangelii Gaudium“ (2013) der chilenische Theologe Rodrigo Polanco (Santiago de Chile) Verbindungen zwischen Jorge Bergoglio/Papst Franziskus und Hans Urs von Balthasars Gesamtwerk. Hervorgehoben wird die den jesuitischen Papst beeinflussende „teología del pueblo“ (Theologie des Volkes) des Argentiniers Lucio Gera, die die ungenügende marxistische Analyse der Befreiungstheologie überwand und die „Option für die Armen“ mit der Option für das Volk, für die Religion („Volksfrömmigkeit“) und die Befreiung verband. Bei Balthasar sah Bergoglio eine den lateinamerikanischen theologisch-pastoralen Realitäten „entsprechende Hermeneutik“ (12; 63). Polanco erwähnt dann auch Balthasars theologische Gestalt-Ästhetik und sieht (oder hört) einen „Gleichklang“ (63) der beiden ehemaligen Jesuiten. Hier wären Bedenken angebracht bezüglich des bei Balthasar ekklesiologisch nicht vorhandenen Begriff des „Volkes“, zumal in der „teología del pueblo“ nicht einmal konziliar von einem „Volk Gottes“ die Rede ist, geschweige denn vom mystischen Leib Christi oder der „communio sanctorum“.

Aber es bleiben Übereinstimmungen in wesentlichen Fragen wie eben der „Mitmenschlichkeit“ und „Maximalität“ des liebenden Gottes. Genauso kann es in der Kirche und für einen Papst letztlich keinen Gegensatz zwischen Pastoral und (rechtgläubiger) Theologie geben. Beide dienen der Einheit und Heiligkeit in der Kirche (95f).
Für Gabriela Wozniak SAS (Wien) gilt in ihrem Kommentar „Das Ganze begreifen“ (98-138) daher: „Hinter dem lächelnden Papa Francesco steckt ein großer Theologe“ (100). Er ist wie zuvor Benedikt XVI. der aktuelle „Dirigent“ der kirchlichen Symphonie des Glaubens und der Wahrheit. Sie zieht Vergleiche zu Karl Rahners Pluralismus-Thesen und umschreibt „Grenzen des Pluralismus“ (108ff). Für Bergoglio und Balthasar ist „die Mitte der Welt: Das Kreuz“ (116) – als Zeichen auch der von beiden immer wieder betonten Freude des Evangeliums (Evangelii Gaudium). Ausgeführt werden dabei von Wozniak wiederum die beiden theologischen Zentralprinzipien Mitmenschlichkeit und Maximalität, die für Bergoglio wie für Balthasar und Lehmann „Prüfsteine des Pluralismus“ (131) bilden.

Dabei kann mit einem bekannten geschichtstheologischen Buchtitel Balthasars auch „das Ganze im Fragment“ gefunden werden. Befreiung ist jedoch nicht auf Politisches beschränkt, sondern ganzheitlich zu verstehen als befreit-freie Teilnahme an der Freiheit des dreieinigen Gottes im Liebesgehorsam der Sendung hinein in die Dialektik und Erlösungsbedürftigkeit von Welt und Menschen. Wozniak erwähnt zwar neben „Evangelii Gaudium“ die Enzyklika „Lumen Fidei“ (2013) und das Schreiben „Gaudete et Exultate“ (2018), nicht aber die Enzyklika „Laudato si“ (2015) und das Schreiben „Amoris laetitia“ (2016), die beide sicher auch im Licht der Theologie Balthasars kritisch oder affirmativ gesichtet werden könnten. Im gleichen Jahr wie der Aufsatz des Jesuiten Bergoglio publizierte Balthasar in seinem Verlag übrigens die Texte „Einheit im Glauben“ (Einsiedeln 1984) des damaligen Fribourger Dominikanerprofessors und heutigen Erzbischofs von Wien, Kardinal Christoph Schönborn. Sie sind und bleiben eine hilfreiche Ergänzung des kirchengeschichtlich bedeutsamen Bergoglio-Aufsatzes, dessen Publizierung und Kommentierung ein großer Gewinn ist.

Stefan Hartmann

Papst Franziskus: Im Gespräch mit Hans Urs von Balthasar. Die Wahrheit ist symphonisch und der theologische Pluralismus, Johannes Verlag 2019, 138 Seiten, (= Neue Kriterien 20), € 15,- ISBN: 9783894114428

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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