Prophetische Worte des emeritierten Papstes

Am 11. April 2019, kurz vor seinem 92. Geburtstag, machte überraschend im Internet ein Text des emeritierten Papstes Benedikt XVI. zum Missbrauchsskandal der katholischen Kirche die Runde und stieß auf „sprungbereite Feindseligkeit“. Der 2013 zurückgetretene Papst nimmt nach dem Treffen aller Vorsitzenden von Bischofskonferenzen Ende Februar 2019 in Rom Stellung zu einem auch in seinen Amtszeiten die Kirche sehr belastenden Problem.

Der offiziell im Münchener „Klerusblatt“ veröffentlichte Text hat drei Teile: 1. eine Analyse des gesellschaftlichen Kontextes in Folge der Kulturrevolution von 1968 mit ihren Folgen für die katholische Moraltheologie, die teilweise eine „in sich böse Tat“ (intrinsece malum) nicht mehr anerkennen wollte und damit auch den sexuellen Missbrauch relativierte; 2. die Reaktion der Kirche, der Priestererzieher und des Kirchenrechts auf die Missbrauchskrise; 3. Perspektiven für eine richtige Antwort der Kirche, die Benedikt mit der Diagnose der Gottesvergessenheit beginnt. Die Abwesenheit Gottes steht am Anfang der Krise. Sehr nah an der häufigen Wortwahl seines Nachfolgers, mit dem der Text in allen Einzelheiten abgestimmt war, wird die Rolle des Teufels als des Widersachers Gottes und der Menschen mit Bezug auf das Buch Hiob erwähnt. Seinen Lügen und Halbwahrheiten ist entgegenzustellen: „Ja, es gibt Sünde in der Kirche und Böses. Aber es gibt auch heute die heilige Kirche, die unzerstörbar ist“ (47). Das starke Bewusstsein von der Existenz Gottes, der „mehr als Erkenntnis ist, weil er Liebe schafft und ist“ (37), steht am Anfang jeder Erneuerung des Glaubens, der Moral und der Kirche.

Viele von Benedikts jüngeren und älteren Kritikern haben eine euphorische und verklärte Sicht auf die mit dem Jahr 1968 verbundene Kulturwende. Ihre Dämonien und Anarchien beschreibt mit eigenen Erfahrungen in der handlichen Kleinpublikation des Fe-Verlages (Kisslegg) in einem Vorwort der Literaturagent Albert Christian Sellner, der auch das Wiener Getue um Otto Mühls strafbare Perversionen erwähnt. Sellner hat in den 1990er Jahren Peter Seewald und Kardinal Joseph Ratzinger zum erfolgreichen Buchprojekt „Salz der Erde“ (München 1996) zusammengebracht und hört in dieser wohl letzten öffentlichen Botschaft Benedikts den Ruf: „Katholiken aller Länder, erweckt die Kirche wieder, vereinigt euch – und verteidigt euren Glauben!“ (15).

Stefan Hartmann

Papst Benedikt XVI.: Ja, es gibt Sünde in der Kirche. Zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche, fe-medienverlag 2019, 48 Seiten, € 3,95 ISBN: 9783863572327

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