Lieben lernen

Es gibt Begriffe, deren Klang nicht nur Skepsis und Kritik hervorrufen, sondern mitunter auch Polemik. In vielen unserer Kirchen und Kapellen hängt an prominenter Stelle der Bilderzyklus des Kreuzweges und lädt den Betrachter ein, auf den Durchbohrten zu schauen. Dem erlösten Christen des 21. Jahrhunderts mag dabei die Frage aufkommen, welche Logik den Beter dazu bewegen könnte, Leid im Herzen zu erwägen, Schmerz, Spott und Hohn an sich heranzulassen. Ist die ohnmächtige Leidensmystik nicht längst durch die Heilsgewissheit des Ostersieges überholt? Ist der betende Nachvollzug des Leidensweges Jesu im Sinne einer Religion, die den Tod bezwingen will?

Für den „Kirchenlehrer der Neuzeit“ ist das Kreuz das Herzstück des Glaubens. Die Betrachtung des Kreuzes zeigt dem Christen die Realität des irdischen Lebens. Der Kreuzweg diene, so Ratzinger in der Hinführung, als Einübung in die Leidensfähigkeit, das Leiden-Können, das Leben-Können zu erlernen. „Wenn dies gelingt, öffnen sich zugleich die Augen für das Leiden der anderen: wir lernen lieben.“ Das Kreuzwegbeten befähigt nach Kardinal Newman zur Umformung des Lebens und bewahrt uns davor, „die Freude an den Anfang zu stellen“. Was auf den ersten Blick masochistisch wirken könnte, korrigiert sich im Blick für den Nächsten, in den Auswirkungen von Sünde, Egoismus und Lieblosigkeit. Wer demnach im Blick auf den Durchbohrten das Leid erkennt, das Christus auf sich genommen hat, wird im Nächsten freier den Schmerz erkennen und zur rettenden Liebe bereit sein. Zugleich leuchten dem Beter die Wunden der Selbstzerstörung auf, die Dramatik der Sünde.

So gesehen motiviert das Betrachten des Kreuzes nicht nur zur tieferen Gottes- und Nächstenliebe, sondern auch zur heilsamen Umkehr des eigenen Lebens. „Menschliches Leben ist Ernstfall und die menschliche Freiheit hat die Kraft, in der Sünde sich selbst zu zerstören. Wer aber auf Christus schaut, sieht in das Antlitz einer unendlichen Güte, die uns um den Preis des eigenen Lebens nachgeht.“ (Ratzinger). Nicht nur der Christ folgt Christus auf dem Kreuzweg, er lässt sich im Gebet auch finden und retten. Somit weist der Kreuzweg auch außerhalb der Fastenzeit den Weg zum ewigen Leben.

John Henry Kardinal Newman hat der Nachwelt zwei Kreuzwegandachten hinterlassen, die er 15 Jahre nach seiner Konversion verfasste. Für diese Broschüre wurden beide Texte kombiniert und mit einigen anderen Betrachtungen Newmans bereichert. Trotz Prägnanz, die einzelnen Stationen finden auf einer A6-Seite Platz, und straffer Gedankenführung lassen die Kurzbetrachtungen und Anrufungen eine Intimität des Gebets aufkommen. Christliche Frömmigkeit muss sich nicht zwangsläufig in seitenlangen Gebeten erschöpfen. Ein anziehend, typisch römischer Gedanke dem dieser handliche Kreuzweg innewohnt.

Florian Mayrhofer

Dusek, Markus / Wodrazka, Paul Bernhard / Newman, John Henry: Schauen auf den Durchbohrten. Der Kreuzweg nach Texten des seligen Kardinal Newman, Dominus-Verlag 2. Auflage 2016, 39 Seiten, € 1,50 ISBN: 9783940879325

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.