Der Prediger spreche, höre aber auch wieder auf

Nicht erst seit „Corona“ bleiben sonntags viele Plätze in den Kirchen leer. „Die Zahl derer, die zum Gottesdienst kommen, schrumpft, und die, die gekommen sind, hören wenig bis kaum zu.“ (S. 30) So resigniert klingt der Praktische Theologe Ulrich Nembach in seinem neuaufgelegten Band zur Homiletik angesichts der gegenwärtigen kirchlichen Situation. Doch was sind die Gründe?

Nembach, langjähriger evangelischer Predigtlehrer in Göttingen, eröffnet seine hier in erweiterter und aktualisierter Fassung bereits 1998 erschienene Predigtlehre folgendermaßen: „Die Aufgabe der Predigt heute ist das Berichten und Erzählen von der Gemeinschaft von Gott und Mensch. Es geschieht, indem von dieser Gemeinschaft in einer Gemeinschaft von Menschen berichtet und erzählt wird.“ (S. 16) Diesen Leitsatz entfaltet Nembach in drei Teilen: zu Grundfragen der Predigt (S. 15-68), zu aktueller Predigtarbeit (S. 71-215) und zur Geschichte (S. 219-260). Die unterschiedliche Gewichtung zeigt bereits das konfessionelle Profil Nembachs.

Seine Erläuterungen zu den Internetpredigten weisen auf die Ambivalenz der neuen Medien hin: Leicht abrufbare Predigtvorlagen führen schnell in Versuchung, sich der homiletischen Herausforderung zu entziehen. „Predigende und Hörende sind schneller erreichbar, als es gedruckte Predigthilfen vermögen.“ (S. 84) Eine tiefgehendere Analyse der virtuellen Predigerinspiration steht zwar noch aus, aber finden sich hier erste Ansätze dieses neuen homiletischen Feldes

Der geschichtliche Überblick von den neutestamentlichen Anfängen bis zum „Predigteifer“ (S. 220) der Kapuziner wurde auf nicht einmal zwei Seiten zusammengestaucht. Den unterschiedlichen Predigttypen der Reformation hingegen gewährt Nembach ausreichend Platz (S. 220-229). Der Schwerpunkt wird allerdings auf die hermeneutische Herangehensweise Schleiermachers gelegt. Aufgrund der zunehmenden Säkularisierung wollte Schleiermacher zu Beginn des 19. Jahrhunderts die „Verächter der Religion“ durch einfühlsame und dadurch einladende Predigten ansprechen. Verständnis füreinander kann schließlich nur dort wachsen, wo man recht aufeinander hört. Schleiermacher verstand die Predigt als eine zentrale Form christlicher Mitteilung. Dies ließe sich, so Nembach, prinzipiell auch in die heutige Zeit übersetzen.

Spannend ist Nembachs eindringliches Plädoyer für die Kanzel als Verkündigungsort (S. 239-253). Für jeden, der sich Sonntag für Sonntag um die Verkündigung des Wortes Gottes müht, bietet der dem Buch angehängte „Leitfaden“ (S. 255-257) einen guten Dienst an. Gerade dem Anfänger kann dieses Buch so helfen, die rechten Worte für die Frohe Botschaft zu finden.


Alexander Ertl

Nembach, Ulrich: Predigen heute. Kohlhammer 2020, 2., erweiterte und überarbeitete Auflage, 292 Seiten, € 26,-ISBN: 978-3170354869

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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