Manifest des Egoismus

Dieses Buch ist nichts für Zartbesaitete. Und selbst Hartgesottene werden sich wohl hin und wieder die Augen reiben. »Happy Abortions« (dt.: »Glückliche Abtreibungen«) von Erica Millar, die an der Universität Adelaide Gender Studies und Sozialanalyse unterrichtet, ist vermutlich eines der brutalsten Bücher, das bisher über Abtreibungen geschrieben wurde. Dabei wird man der Autorin immerhin positiv anrechnen können, dass sie ihre Leser nicht an der Nase herumführt, sondern frei erklärt, worum es ihr geht: „Ich rufe dazu auf, Abtreibungen als einen Akt zu feiern, der unfreiwillig Schwangeren ermöglicht, das zu bekommen, was sie wollen, und der garantiert, dass Hetero-Sex für alle Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter von der Reproduktion getrennt werden kann.“ Liest man diese – leider erst gegen Ende des Buches auf Seite 172 platzierte – Passage zusammen mit einer anderen, weiter vorne gelegenen, wird unmissverständlich klar, worum es Millar geht.

Dort ( 31) lesen wir: „Frauen können sich nur frei für Abtreibungen entscheiden, wenn Elternschaft eine wirtschaftlich und sozial realistische Möglichkeit ist und wenn Maßnahmen wie bezahlte Elternzeit und staatlich finanzierte Kinderbetreuung nicht zusätzlich zum Recht auf Abtreibungen erkämpft werden müssen.“ Mit anderen Worten: Aufgabe der Solidargemeinschaft ist nicht länger, Frauen die Annahme eines Kindes zu ermöglichen, das sie unter dem Herzen tragen. Staat und Gesellschaft sollen nur dafür sorgen, dass frau – falls frau will – von ihrer Natur profitieren kann. Falls frau das aber nicht will, haben Staat und Gesellschaft Abtreibung als legitime Form der Korrektur nicht erfolgter oder nicht geglückter Geburtenregelung zu betrachten.

Man wird Millars Werk, das die Abtreibungslobby bereits in den Kanon ihrer heiligen Bücher aufgenommen hat, weder richtig einordnen noch verstehen können, wenn man nicht registriert, welches Bild vom Menschen (auch wenn es hier nur um jenen Teil geht, der gemeinhin als Frau bezeichnet wird) und der Gesellschaft ihm zugrunde liegt. In diesem Weltbild verdient nur eines Respekt: Der Wille eines sich gänzlich autonom denkenden, von allem anderen (Natur, Werten, Normen, Gesellschaft, Staat et cetera) enthobenen Subjekts. Dessen Umwelt ist – durchaus folgerichtig – nur dazu da, um die Forderungen zu erfüllen, die das Subjekt an sie stellt. Nur deswegen kann Millar etwa schreiben: „Selbstverständlich stoppt die Beendigung einer Schwangerschaft die Entwicklung eines Embryos/ Fötus, der sich andernfalls – außer im Falle einer Fehlgeburt – zu einem autonomen Menschen entwickelt hätte“, und fortfahren, deshalb müsse die „Betrachtung von Abtreibungen unter diesem Gesichtspunkt“ jedoch „nicht zwingend“ in eine „ablehnende Haltung gegenüber diesem Vorgang“ münden.

Im Gegenteil: Werde Abtreibung „ausschließlich als Zerstörung embryonalen oder fötalen Lebens gesehen, konzentriert sich alle Aufmerksamkeit auf den Fötus statt auf die schwangere Frau“. Man kann das Buch oberflächlich als soziologische Studie über Abtreibungsdiskurse lesen und ihm dann sogar ein paar interessante Befunde abringen. Gerecht wird man ihm erst, wenn man es als das liest, was es in Wahrheit ist: Das Manifest eines so brutalen wie verantwortungslosen Egoismus.

Stefan Rehder

Millar, Erica: Happy Abortions. Mein Bauch gehört mir — noch lange nicht, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2018, 224 Seiten, € 22,- ISBN: 9783803136770

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Erstabdruck: Zeitschrift Lebensforum Nr. 128/2019, Seite 31.

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