Das dramatische Leben eines großen Primas und Wegbereiters

Stefan Kardinal Wyszyński (1901-1981), der Erzbischof von Gnesen und Warschau und damit der Primas der polnischen Kirche, gehört mit dem Kroaten Alois Stepinac und dem Ungarn Jozef Mindzenty zu den großen Lichtgestalten der katholischen Hierarchie in den totalitären Staaten des 20.Jahrhunderts. Ihn zeichnete nicht nur Mut und Bereitschaft zum Martyrium aus, sondern auch eine außerordentliche diplomatische Klugheit im Umgang mit Machthabern, ohne dabei wesentliche Prinzipien zu verraten. Seine klare Mannhaftigkeit haben einige als autoritär empfunden, kannten aber nicht den inneren und väterlichen Kern seines Wesens als Mensch und Bischof. Behutsam hat er nachkonziliare Neuerungen eingeführt, den Kern des Hochgebetes immer lateinisch gesprochen und an der Mundkommunion festgehalten. Getragen und gehalten war er vom tiefen Glauben seines Volkes und seit dem frühen Verlust der Mutter von einer innigen Marienverehrung, besonders als „Königin Polens“ in Tschenstochau.

Meetschen, Anna: Kardinal Stefan Wyszyński

Ähnlich erging es Karol Wojtyła/Johannes Paul II., der dann selbst sagte, dass die von Wyszyński vorbereitete Tausendjahrfeier der Taufe Polens 1966 eine Vorbedingung seines langjährigen Pontifikates (1978-2005) war. Er war es auch, der ihm den Titel „Primas des Jahrtausends“ gab. Für September 2020 war in Warschau das Fest der Seligsprechung geplant, das aber wegen der Corona-Pandemie verschoben werden musste.
Die Warschauer Publizistin Anna Meetschen hat nun in einer übersichtlichen und sachlichen Darstellung, die sich an der großen Biographie von Ewa Czaczkowska orientiert, die Gestalt des großen Primas auch deutschsprachigen Lesern nahegebracht. Man spürt bei der Lektüre, wie sehr Wyszyński Patriot, Seelsorger und Bekenner zugleich war. Er ist Sohn eines Organisten und wuchs in kleinen Orten an der Grenze zwischen Masowien und Podlachien auf. An seinem 23. Geburtstag wurde er in Włocławek zum Priester geweiht und von seinem Bischof nach Lublin zum Weiterstudium geschickt. Dort widmete er sich intensiv der katholischen Sozialwissenschaft, die ihn sein Leben lang theoretisch und praktisch beschäftigte. Das Nachdenken und Verkündigen zu Arbeit, Familie und sozialer Gerechtigkeit waren bis zum Aufkommen der „Solidarność“-Gewerkschaft sein Schwerpunkt.

Geprägt hat ihn in Lublin neben dem Studium die Begegnung mit dem charismatischen Priester Władysław Korniłowicz, der zusammen mit der Ordensfrau Róza Czacka das berühmte Blindenzentrum Laski bei Warschau gründete, in dem der spätere Primas während der deutschen Besatzung zeitweise untertauchen konnte. Wyszyński gründete eine religiöse Gemeinschaft für Frauen („Osiemki“), wurde 1946 zum Bischof von Lublin und 1948 zum Erzbischof von Gnesen und Warschau ernannt. Damit war er Nachfolger des Primas August Hlond. Er widerstand den Kommunisten und machte doch Verträge mit ihnen. Drei Jahre (1953-1956) war er in Haft und formulierte dort das Gelübde der polnischen Nation auf Jasna Góra bei der Gottesmutter von Tschenstochau für die große Novene der Vorbereitung auf die Tausendjahrfeier des christlichen Polen. Zu den Päpsten Pius XII., Johannes XXIII. und Paul VI. hatte er als Primas und Vertreter seiner Nation enge Beziehungen, aktiv wirkte er am Konzil mit und betrieb die Einführung des Marientitels „Mutter der Kirche“. Es ist ein besonderer Verdienst von Meetschens auch mit Bildern versehenen Biographie, dass sie nicht weitschweifig oder huldigend verfasst ist, sondern alle Lebensstationen des Primas kurz und mit Originaltexten nachzeichnet.

Dazu gehört sein persönliches Mariengelübde nach der Verhaftung (61), das erwähnte „Gelübde der polnischen Nation auf Jasna Góra“ (67), der Brief der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Mitbrüder am Konzilsende (91), sowie ein „ABC des sozialen Kreuzzugs der Liebe“ (107). Das „Tandem Wyszyński-Wojtyła“ (115), das die Kommunisten vergeblich aufzusprengen versuchten, hat den polnischen Widerstand gestärkt und schließlich 1989 zur Wende geführt. Ergreifend ist Meetschens Schilderung der letzten Woche und Tage des erkrankten Primas, der kurz nach dem dramatischen Papstattentat am 28. Mai 1981, am Fest Christi Himmelfahrt, verstarb. Möge seine nach Abklingen der Corona-Krise erfolgende Seligsprechung dem polnischen Katholizismus guttun, Polarisierungen überwinden und das Zeugnis seines Wirkens auch anderswo erkannt und angenommen werden. Möge die innen und außen bedrängte Kirche der Gegenwart wieder neu stärkende Hirten seines Kalibers erhalten und in ihnen das Wirken des Geistes sehen. Eine marianische Deutung der Heilsgeschichte – wie sie der große Primas vorgelebt und vorgebetet hat – kann dazu aufhelfen.

Stefan Hartmann

Meetschen, Anna: Kardinal Stefan Wyszyński. Der Primas des Jahrtausends, fe-medienverlag 2020, 170 Seiten, € 10,- ISBN: 978-3863572730

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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