Revolutionär der Medien

Unvorstellbar, welche historischen Marksteine sich ohne seine Erfindung gar nicht ereignet hätten oder auf anderen Umwegen passiert wären: die Reformation, der 30-jährige Krieg, opulente Hoffeste, Musik und Theater, die Aufklärung, die Französische Revolution, die Revolution von 1848 usw. Auch die von uns so gut in Erinnerung gebliebenen Gute-Nacht-Geschichten unserer Eltern hätte es nicht in dieser Form gegeben. All diese Ereignisse wurden initiiert, angefacht und weitergetragen durch das gedruckte Wort und Bild – vervielfältigt durch den Buchdruck mit beweglichen Lettern – DER Erfindung von Johannes Gutenberg aus Mainz.

Das Buch Johannes Gutenberg. Mann des Jahrtausends von Maren Gottschalk begibt sich auf eine spannende Entdeckungsreise zur Person und seiner bahnbrechenden Erfindung. Dabei wird der Versuch unternommen, vieles aus dem Dunkel der Vergangenheit zu heben. Anlass für die Publikation ist der im Jahre 2018 zum 550. Mal wiederkehrende Todestag von Johannes Gutenberg. Beim Lesen wird klar, es liegt gar vieles vom Leben und Schaffen Gutenbergs im Dunkeln, und wichtige Eckpfeiler seiner Lebensstationen, zur Familie, seiner Ausbildung, die Berufserfahrung und sogar die zündende Idee zum Buchdruck selbst bleiben aufgrund fehlender schriftlicher Quellen reine Spekulation. Dieses Manko ist aber gerade für die frühe Neuzeit – zumal es sich ja „nur“ um einen Handwerker und keine gesellschaftlich höher stehende Person handelt – nicht verwunderlich sondern durchaus üblich. Nur anhand weniger Quellen gelingt es, Gutenbergs in offiziellen und amtlichen Dokumente habhaft zu werden (44, 58). Gottschalk gelingt es durch einen klug gewählten roten Faden, der chronologisch das Leben des Titelhelden nachzeichnet, in elf Kapiteln eine runde Geschichte „zu erzählen“. Die erfolgte Themenwahl kann als gelungen bezeichnet werden. Besonders anschaulich fallen dabei die Beschreibung des eigentlichen Werkvorgangs des Druckens sowie der Blick in eine Buchdruckerwerkstatt (Offizin) aus. Ebenso wird aufgezeigt, dass Jahrhunderte vor Gutenberg bereits die alten Chinesen eine Vorform des Buchdruckes beherrschten (S. 91–92). Die Autorin zeichnet ein farbenfrohes, lautes und lebendiges Bild von Gutenbergs Geburtsstadt Mainz, der Gesellschaft, der Inwohner und des städtischen Treibens mit all seinen Facetten. Auch auf weitere Lebensstationen Gutenbergs, wie Aufenthalte in Eltville, Erfurt und Straßburg nimmt die Autorin den Leser mit. In diesem Zusammenhang muss angemerkt werden, dass die Beschreibungen zuweilen ins Erzählende abschweifen, wo Kapitel sich zu sehr vom Thema entfernen und kürzer gehalten werden hätten sollen (67, 87). Und genau hier stößt der aufmerksame Leser auf eine grundlegende Irritation des Buches. Welche Intention verfolgt die Publikation: soll es ein Sachbuch sein, will es populär erzählen oder den Leser romanhaft unterhalten?

Den auf soliden Nachforschungen basierenden Informationsfluss mindern zuweilen sowohl die fehlenden Belege von platzierten Fakten, etwa wenn Gottschalk Mainz als „Goldene Stadt“ bezeichnet, als auch die fehlende Erläuterung von historischen Begriffen, deren Bedeutung nicht jedem Leser geläufig sein mögen (10–11, 16, 21). Die Autorin skizziert gut recherchiert die einzelnen Schritte im Werkvorgang des Buchdruckes, verweist aber bei der technischen Umsetzung unglücklich auf „Maschinenkraft“, die in diesem Zusammenhang wohl eher als Wasserkraft (Mühlen?) zu bezeichnen wäre (92). Als historischer Fehler gilt die Nennung Papst Leo X. aus der Familie Medici, der von 1513 bis 1521 sein Pontifikat hatte und daher nicht – wie Gottschalk anführt – im Jahre 1485 Oberhaupt der katholischen Kirche sein konnte (152). Hier wird Leo X. mit Papst Innozenz VIII verwechselt (Pontifikat: 1484–1492). Für Historiker generell problematisch gilt der Umgang mit historischen Geldangaben und den verschiedenen Währungen im Europa der frühen Neuzeit. Der Versuch, die Währungen umzurechnen und in heutige Relation zu setzen, ist insofern schwierig, da es keinen verbindlichen Umrechnungsschlüssel gibt. Vergleiche können partiell mit Angaben zum Preis von Brot, dem Wochen- oder Monatsverdienst eines Handwerkers oder Beamten gezogen werden. Was die flüssige und spannende Erzählsprache zuweilen stört, sind saloppe und triviale Formulierungen. So etwa wenn die Frage aufgeworfen wird, ob Gutenberg „glücklich war“ (65), wenn man über einen „30 Minuten Schulweg“ nachsinnt (24), wenn Handelshäuser als „Kaufhäuser“ bezeichnet werden und man von „Ehescheidung“ im 15. Jahrhundert spricht (15, 17). Auch die Ausführungen zum Thema Wein, der als besonderes Getränk ausgewiesen wird, ist unglücklich platziert. War doch Wein, verdünnt und gesüßt, das gängige Getränk dieser Zeit, im Wissen, dass Wasser durch seine Verunreinigung nicht ohne vorheriges Abkochen genießbar war (46).

In allem schafft es Gottschalk mit ihrer Publikation gekonnt den Spagat zwischen Sachbuch mit historischem Anspruch und Belletristik zu meistern. Durch farbenfrohe Erzählbilder gelingt es der Autorin, die Zeit Gutenbergs, sein familiäres, persönliches und berufliches Umfeld sowie die gesellschaftlichen Um- und Zustände im Mainz des 15. Jahrhunderts dem Leser näher zu bringen. Dem Charakter eines Sachbuches gerecht wird man sowohl durch die ausgewählte und vor allem rezente Fachliteratur als auch mit den geschickt gewählten Illustrationen. Der Abbildungsapparat profitiert von den unterschiedlichen Motiven, die sich aus einem bunten Allerlei von Miniaturmalerei, Druck, Realien und aktuellen Ansichten zusammensetzen. Man vermisst dabei aber Darstellungen von Gutenbergs überlieferten Druck-Meisterwerken, wie etwa den erwähnten „Türkenkalender“ (Bayerische Staatsbibliothek München) und den ausführlich beschriebenen „Ablassbrief“ (Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel; S. 107, 109). Das Buchformat ist handlich, ideal zum Schmökern, das Layout zeigt sich ansprechend unkonventionell und die Bildqualität kann als gut bewertet werden. All dies spricht dafür, dass das Buch „Johannes Gutenberg. Mann des Jahrtausends“ einen berechtigten Platz im (kultur-)historischen Bücherregal erhält.

Thomas Kuster

Gottschalk, Maren: Johannes Gutenberg. Mann des Jahrtausends, Böhlau 2018, 160 Seiten, € 18,- ISBN: 978-3412512507

© Thomas Kuster

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