Von Wahrheit und Freiheit

In der Streitschrift geht es um eine dramatische Polarisierung in der katholischen Theologie. Der emeritierte Bonner Dogmatikprofessor Karl-Heinz Menke erbringt gegen einen Subjektivismus und Relativismus, die sich aktuell für ihn besonders an der theologischen Argumentationsweise von Magnus Striet und Stephan Goertz widerspiegeln, den philosophischen Nachweis eines „Primats der Wahrheit vor der Freiheit“. Die Kirche befindet sich für den Autor nicht in einer Modernitätskrise, sondern vielmehr in einer Glaubenskrise. Während spezielle Themen wie Scheidung, Abtreibung, Homosexualität und Suizid ganz unterschiedliche Fragen aufwerfen, laufen sie letztlich doch auf eine Grundsatzfrage hinaus. Gibt es eine objektive Wahrheit oder kann erst in einem Diskursgeschehen ausgehandelt werden, was als wahr betrachtet werden darf?

Die Behauptung einer objektiven Wahrheit gilt für weite Kreise der heutigen Theologie als prämodern. Sie kollidiert scheinbar mit der Entscheidungs- und Handlungsfreiheit autonomer Individuen. Um hier Klarheit zu erlangen, führt Menke gekonnt durch die Konflikte um das nachsynodale Schreiben „Amoris laetitia“ und durch das reformatorische Freiheitsdenken. Er zeigt dabei auf, dass sich Freiheit und Wahrheit gerade nicht widersprechen, sondern der Empfang der Wahrheit selbst ein Geschehen ist, das durch die Freiheit des Menschen bedingt ist. Die konträren Positionen, die ins Feld geführt werden, bieten eine umfassende Sicht auf die tiefen Fragen der Theologie. Immer wieder setzt sich der Autor von manchen Thesen ab. So auch von Goertz’ Aussage, dass der erforderliche Paradigmenwechsel in der Theologie noch nicht stattgefunden hätte, weil man davon ausgehe, die Autonomie an sich würde schon jede Art von Autorität und sozialer Ordnung destabilisieren. Dass für Striet die kategoriale Verurteilung des Suizids oder der Abtreibung fallen, ist dann nur konsequent. Der Autor nimmt stattdessen deutlich Stellung zu einem solchen Aushandeln der Wahrheit, die auf der Grundlage eigener Festlegungen erfolgt: „Wo Theologie in dem Sinne ‘unabhängig’ sein will, dass sie selbst bestimmt, was wahr ist, bastelt sie sich ihren eigenen Gott. Sobald eine vermeintliche sich selbst (ihrem eigenen Gesetz) treue Freiheit individuell und also plural bestimmen will, was wahr ist, kommt es unweigerlich zur Unterwerfung der Wahrheit unter Zwecke und Interessen.“ (99) 

Nicht genau geklärt wird, wie die Erkenntnis der Wahrheit sich vollzieht. Können Gottes Selbstoffenbarung und deren kirchliche Vermittlung gleichgesetzt werden? Da die Kirche in ihrer Bemühung um die Wahrheit auch fehlgehen kann und immer der Reinigung bedürftig bleibt, vermisst man an dieser Stelle Leitlinien für eine saubere Unterscheidung von Offenbarungsereignis und kirchlichem Wahrheitsanspruch, um der Gefahr einer möglichen Selbstimmunisierung zu entgehen.

Insgesamt handelt es sich um ein sehr lesenswertes Plädoyer für die Freiheit als Fähigkeit des Menschen, “den Sinn des Seins fortschreitend tiefer zu verstehen und der so vernommenen Wahrheit handelnd zu entsprechen.” (159)

Michaela Starosciak

Menke, Karl-Heinz: Macht die Wahrheit frei oder die Freiheit wahr? Eine Streitschrift, Verlag Friedrich Pustet 2017, 183 Seiten, € 19,95 ISBN: 978-3791729152

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