Wegweiser und Leuchtgestalt

Der aus Pleystein in der Oberpfalz stammende Regensburger Weihbischof Georg Michael Wittmann (1760-1833) war designierter Nachfolger des großen Regensburger Bischofs Johann Michael Sailer (1751-1832) und verstarb im Ruf der Heiligkeit, kurz bevor er die Nachfolge antreten konnte. Bis heute wird sein Grab im Regensburger Dom von Betern besucht und mit Blumen geschmückt. Seit 1955 betreibt das Bistum Regensburg seinen Seligsprechungsprozess. Im Auftrag des jetzigen Bischofs Rudolf Voderholzer und des Vizepostulators Msgr. Georg Schwager hat der bekannte Bonner theologische Publizist Martin Lohmann nun im Pustet-Verlag eine handliche Biografie des gelehrten und tieffrommen Weihbischofs vorgelegt. Er galt und gilt als „Apostel von Regensburg“, so wie Clemens Maria Hofbauer zeitgleich als „Apostel von Wien“ angesehen wurde.

Titelbild Martin Lohmann - Wittmann Georg Michael-Rahmen

Lohmann schildert textorientert und in Berücksichtigung aller bisherigen Wittmann-Literatur (Rupert Mittermüller, Johannes B. Lehner, Emmeram H. Ritter, Georg Franz X. Schwager, Gerhard B. Winkler) Leben, Spiritualität und Wirken des großen Seelsorgers und Beters. Er begegnete immer auch hilfreich sozialen und karitativen Herausforderungen der Zeit, etwa als Lebensretter bei der Erstürmung der Stadt Regensburg durch Napoleons Truppen 1809, im Typhusjahr 1813, wo er sich selbst infizierte, und in den Hungerjahren 1816 und 1817. Wittmann studierte in Heidelberg, befasste sich mit dem Tridentinum und auch mit der Philosophie Kants, war nach der Priesterweihe (1782) Hilfspriester auf dem Land, wurde Subregens (1788) und von 1802 bis zu seinem Tode Regens des Priesterseminars. Er wurde Dompfarrer (1804), Domkapitular (1821), zum Weihbischof ernannt (1829), war Domprobst und Generalvikar (1830). Wittmann übersetzte das Neue Testament und war Verfasser vieler geistlicher Schriften, einige Exerzitienvorträge sind im Anhang der Biografie abgedruckt.

Lohmann beachtet den geschichtlichen Zusammenhang, zu dem einige Exkurse angeboten werden, und beschreibt vor allem den Priester Wittmann, der eine starke spirituelle Ausstrahlung hatte und zu dem immer auch Kinder und einfache Leute großes Vertrauen fanden. Seine Prägung durch die Theologie des Tridentinums und seine tiefe Frömmigkeit immunisierten ihn gegen relativistische Verlockungen der Aufklärungszeit. Sein Priesterbild ist sehr aszetisch und ähnelt in manchen Zügen dem des hl. Pfarrers von Ars. Unverkürztes Breviergebet, konsequenter Zölibat, tägliche Eucharistiefeier, Rosenkranz und Meditation, aber auch sichtbare priesterliche Kleidung waren Wittmann in der Priestererziehung wichtig. Wenigstens vier Stunden am Tag sollte ein Priester nur dem Gebet widmen. Lohmann fasst sein Wittmann-Porträt so zusammen: „Er prägte eine ganze Priestergeneration. Er wurde zum Wegbereiter christlicher Jugendbildung. Er setzte die Freiheit aus dem Glauben dem Geist der Aufklärung entgegen. Er stärkte im Mischehenstreit die katholische Position, und er liebte den gläubigen Umgang mit der Heiligen Schrift. Kurzum: Er war ein vielfach begabter Theologe, Seelsorger, Wegweiser, Nothelfer und Reformer“ (17).

Gefragt wird auch nach der heutigen Aktualität des profilierten Regensburger Weihbischofs. Manches scheint überholt und zeitbedingt, ist aber sowohl in den bleibenden Mysterien des Glaubens als auch – wie Lohmann nachweist – in Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils zur Priesterbildung begründet. Gerade in der von Krisen geschüttelten Gegenwart würde Bischöfen, Regenten, Alumnen und Priestern ein Schuss der gläubigen Radikalität des Oberpfälzers guttun: „Wittmann konnte gar nicht nach dem schielen, was gerade gut ankam. Er sehnte sich mit den Augen des Herzens nach der Wahrheit, die für ihn zugleich die Freiheit war – und die einen Namen hatte: Jesus Christus“ (109). Man kann sich seiner spirituell-theologischen Weisung anvertrauen, sich durch ihn auf dem Weg der Nachfolge und Berufung zur Heiligkeit motivieren lassen – und ihn sich zum Fürsprecher erwählen. Martin Lohmanns „kleine“ Biografie lässt einen Großen des Himmelreichs verstehbar aufleuchten. Sie ist ansprechend bebildert, gut lesbar und ergänzend mit Auszügen einer eindrücklichen zeitgenössischen Trauerrede von Melchior Diepenbrock, Regensburger Domkapitular und nachmaliger Fürstbischof von Breslau und Kardinal, versehen.

Stefan Hartmann

Lohmann, Martin: Georg Michael Wittmann. Bischof, Seelsorger und Reformer, Friedrich Pustet 2019, 152 Seiten, € 12,95 ISBN: 9783791730387

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