Leitbiographie

Als Hans Urs von Balthasar Ende Juni 1988 in Basel kurz vor der geplanten römischen Kardinalsehrung an einem Sonntag in der Frühe plötzlich an einem Herzversagen verstarb, war seine große Trilogie (Theo-Ästhetik, Theo-Dramatik, Theo-Logik) abgeschlossen. Der unkonventionelle Schweizer Theologe legte wenig Wert auf pompöse Äußerlichkeiten. Mehr als seine eigene Person, über die es bisher zwei deutschsprachige Biographien gibt (Guerriero 1993; Krenski 1995), galt ihm sein theologisches Werk oder sein geistlicher „Auftrag“, zu dem die Gründung des Säkukarinstitutes „Johannesgemeinschaft“ gehörte. Trotz dieser Prioritäten ist es hilfreich, wenn nun Manfred Lochbrunner, der bei Karl Lehmann über Balthasar promovierte und mehrere „Balthasariana“ publizierte, nun nach langjährigen Recherchen seine umfassende und akribisch vorgehende große Biographie über den „Jahrhunderttheologen“ vorlegt.

Mit vielen Zeitzeugen wurden Gespräche geführt, der Briefwechsel mit Henri de Lubac sowie Briefe an seinen Zürcher Jugendfreund Emil Lerch wurden als „Leitkorrespondenzen“ gesichtet und dokumentiert.
Ausführlich ist Balthasars Lebenslauf Jahr für Jahr chronologisch und mit Zitaten aus Briefen erfasst. Bevor er 1929 nach dem Germanistik-Studium in die Gesellschaft Jesu eintrat, gehörte er zu einem Zürcher Freundeskreis, der sich von Stefan George faszinieren ließ (81-98). Prägend waren beim Theologiestudium in Lyon-Fourvière die Begegnungen mit Henri de Lubac, Jean Daniélou und dem Schriftsteller Paul Claudel, dessen Welttheater „Le Soulier de satin“ er ins Deutsche übertrug. Minutiös beschreibt Lochbrunner besonders das Drama des 1950 erfolgten Ordensaustritts wegen der intensiven geistlichen Betreuung der bei ihm konvertierten Adrienne Kaegi-von Speyr (1902-1967), für die man ihn nicht freistellen wollte. Später wird ihr evangelischer Ehemann, der Burckhardt-Biograph Werner Kaegi, Balthasar für die Pflegebegleitung der zuletzt schwer kranken Ärztin danken (410).

Die bleibende Verbundenheit mit der Gesellschaft Jesu und deren Gründer ist ein roter Faden im Leben Balthasars. Dazu gehört auch die dokumentierte enge Beziehung zu Henri de Lubac, der ihn in seinem „Rigi-Hüsli“ oft besuchte. Balthasar war ansprechbar, zugänglich und für viele Anliegen der Kirche verfügbar. Deutlich wird, wie sehr er sich seit 1972 dem Aufbau und der Ausrichtung der „Internationalen Katholischen Zeitschrift Communio“ widmet. Um deren Finanzierung abzusichern haben 1984 die Mitherausgeber Hans Maier und Franz Greiner für Balthasar (ohne sein Wissen) sogar den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels beantragt (584ff).
Der 1984 für das Schweizer Fernsehen länger interviewte Autor und Verleger entzieht sich in seiner Vieldimensionalität und Zurückhaltung dem medialen oder biographischen Zugriff. Lochbrunners Opus magnum ist eine minutiöse und beeindruckende Lebenschronik mit nur wenigen Ungenauigkeiten. Eine komparative Darstellung von Gestalt und Werk des großen Schweizers steht allerdings noch aus.

Stefan Hartmann

Lochbrunner, Manfred: Hans Urs von Balthasar 1905-1988. Die Biographie eines Jahrhunderttheologen, Echter-Verlag 2020, 748 Seiten, € 79,90 ISBN: 978-3429054571 

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