und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt…

Alfreds Familie steckt der Übergang von „Lust zum Frust“ in den Genen. Trotzdem lebt Alfred von Ärmel in der Fantasiewelt, ein Held zu sein. Alfred größtes Vorbild ist die heroische Spitze seiner Sippe und zugleich sein Namensvetter: der „Schlächter von Marignano“, der im Jahr 1515 vierzig Franzosen mit seiner Hellebarde erschlug. Nun ist Alfred aber alles andere als ein Matador, sondern jüngster Spross reicher Berner Patrizier, der vom Dolch der Ironie aufgespießt wird. Neben seinem kauzigen Vater, einem frühpensionierten Winkel-Fabrikanten, der vom Imkerdasein träumt, und seiner eleganten Mutter, einer umschwärmten Salondame, die tonangebend ihren Ästhetizismus der Familie aufzwingt, sowie seinem hypersensiblen Bruder Thomas, einem Geigenvirtuosen und neuem Paganini, steht Alfred ohne Talent und Kontur als Zaungast am Rande seiner Familie.

Mit einer gesunden Portion Satire und Gesellschaftskritik charakterisiert Lukas Linder in seinem Romandebüt „Der letzte meiner Art“ das müdegewordene und in sich verkrümmte Kulturbürgertum. Klein-Alfreds Sehnsucht nach Heldenhaftigkeit hat einerseits seinen Ausgang im skurrilen Familienzwang nach Individualität, andererseits strebt Alfred als Vorbild, Held und Helfer, seinem Ahnherren gleich, in die Annalen der Familiengeschichte einzugehen. Als „edelstes Blatt am Baum der von Ärmels“ möchte er sich emporstrecken, doch wurden ihm von Anfang an Abneigung und Zurückweisung in die Wiege gelegt. Alle Bemühungen versanden oder besser: kommen über Alfreds Wollen nicht hinaus. Als grotesker Einfaltspinsel, Stümper und Pechvogel versucht er sein Leben zu meistern und gerade darin liegt Alfreds Charme. Weder seine Theaterkarriere, bei der ein Ohnmachtsanfall seiner Mutter das Waterloo beendet, noch das Notenumblättern bei seines Geigenbruders bringen die ersehnten Lorbeeren. Auch Vorbereitungen zum Gesangswettbewerb sollten über Atemübungen nicht hinauswachsen. Erst als sein Bruder Thomas Reißaus nimmt und eine Heavy-Metal-WG bezieht, um später als Reisbauer in Kyoto zu arbeiten, wird Alfreds Leben aus der Gefriertruhe geholt. Trotzdem reißt der Aufstieg zum Berg der Enttäuschung nicht ab. Trauriger Höhepunkt ist seine Annonce für eine Tanzpartnerin zum Abschlussball, auf die nur die 50-jährige Witwe Ruth reagiert. Nach kurzer Romanze brennt sie schließlich mit Alfreds ehemaligem Musik-, eigentlich Atemlehrer, durch.

Im Verlauf der personalen Erzählperspektive wird klar, Linder will es nicht beim Paradoxon und unfreiwilliger Komik belassen, wenngleich an vielen Stellen der genuine Schweizer Humor zum Tragen kommt. Mit diesem Ansatz konterkariert der Autor den Spannungsbogen zwischen Freiheit und Erfolgsdruck. Der Anti-Held Alfred führt einen tölpelhaften Bärentanz auf und entlarvt Egozentrik, Individualismus und Dekadenz als Ursprung einer sozialen Degeneration, die sich durch den Verlust immer weiter befeuert. Ein Kreislauf, den Alfreds Unfähigkeit schamlos durchbricht. Seine Mutter erlöst sich vom Selbst-Optimierungswahn in einem faktischen Dornröschenschlaf, sein Vater in der geistigen Umnachtung. „Thomas hat es richtig gemacht. Als er gespürt hatte, dass es für ihn in diesem Familienbild keine Freiheit gab, war er weggegangen. Er war der Familiengruft entkommen. Der wahrscheinlich verschmerzbare Preis der Freiheit war, dass seine Gebeine alleine in der Erde liegen, wo auch immer.“ (234-235)

Obgleich dem Roman des Germanisten bis auf wenige Floskeln und einem gebetsartigen Monolog (113-114) transzendentale Gedanken fremd sind, behandelt er doch unterschwellig eine spirituelle Krankheit unserer Zeit: den Drang und Zwang zur individuell aufgenötigten Selbstverwirklichung. Anstöße und Strömungen dazu ergeben sich aus einer profan-destillierten Ichfixiertheit und der Wechselhaftigkeit des Umfelds. Wiewohl Klein-Alfred darin heldenhaft Schiffbruch erlitten hatte, ist er doch nicht in Mutlosigkeit ertrunken. Er ist der eigentliche Held einer traurigen Geschichte, der Bezwinger des Spießbürgertums.

Florian Mayrhofer

Lindner, Lukas: Der Letzte meiner Art. Verlag Kein & Aber 2018, 272 Seiten, € 19,60 ISBN: 9783036957852

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