Topographie der Erinnerung

Die Geschichte der Stadt Wien ist untrennbar mit der jüdischen Kulturgeschichte verbunden, verdankt sie doch ihre Entwicklung zur prosperierenden „mitteleuropäischen Metropole“ auch den geistigen und wirtschaftlichen Leistungen ihrer jüdischen Mitbürger: den Künstlern, Intellektuellen, Wissenschaftler und Bankiers. Die Donaumetropole galt im Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert als blühendes Zentrum jüdischer Kultur, jedoch dezimierte der Naziterror des Zweiten Weltkrieges die jüdische Bevölkerung auf einen heiligen Rest: von 200.000 (1923) auf knapp 7.000 (2001) Juden und Jüdinnen, die heute in Österreichs Bundeshauptstadt leben. Der Zivilisationsbruch verschlang neben ihrem Leben oftmals auch ihre Spuren. So fehlt von den einhundert Synagogen und Bethäusern Wiens bis auf den „Stadttempel“ jede Spur. Dieser überlebte das Feuerinferno der Pogromnacht 1938 entweiht und verwüstet nur durch seine enge Verbauung im Wohngebiet.

Titelbild Jüdische Spuren in Wien - Oskar Kostelnik

Oskar Kostelnik hat eine akribische und beachtenswerte Topographie der Erinnerung geschaffen, womit das Mauthausen-Komitee-Mitglied neben 800 Adressen, 700 Personen, Gebäudebezeichnungen, unzähligen Denkmälern und Häusern die (verblassten) „Jüdischen Spuren in Wien“ zugänglich macht. Seine Spurensuche durchforstet alle 23 Wiener Gemeinden und katalogisiert das jüdische Leben nach Bezirken in alphabetischer Reihenfolge. Dabei fasst Kostelnik die Notation „jüdisch“ bewusst im breitesten Spektrum des Wortes, zumal alle Juden unterschiedslos, egal ob religiös, assimiliert oder freidenkerisch, von den NS-Rassengesetzen verfolgt, deren Erbe geschändet, Denkmäler entfernt und Straßenbezeichnungen geändert wurden. Alle sind daher, so der Autor, der jüdischen Geistes- und Kulturwelt, einer „jüdischen Schicksalsgemeinschaft“ zuzurechnen. Weiters behandelt das Nachschlagewerk auch diverse Personen, die diese Schicksalsgemeinschaft durch Heirat oder Hilfeleistung teilten, obwohl sie keine Juden waren.

Knapp 800 Fußnoten, der Löwenanteil aus Internetressourcen, dokumentieren die leidenschaftliche Akkuratesse des Autors, das ausführliche Namensregister und Quellenverzeichnis seine Liebe zum Detail. Dem konzentrierten Leser wird dabei der verblasste Davidstern am Anfang des jeweiligen Bezirkskapitels ins Auge fallen. Ein geschichtliches Faktum, in mahnender Optik.

Florian Mayrhofer

Kostelnik, Oskar: Jüdische Spuren in Wien. Echomedia 2018, 381 Seiten, € 14,90 ISBN: 9783903113541

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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