Eine Stimme in der Wüste

Zum 100. Geburtstag von Hans Scholl, dem politischen und agitatorischen Kopf der antinazistischen Widerstandsbewegung „Weiße Rose“, erschien eine Biografie des Kaufbeurener Studiendirektors und Publizisten Jakob Knab, der für den christlichen Widerstand und eine demokratisch-freiheitliche Erinnerungskultur ein ausgewiesener Fachmann ist. Die gut lesbare Veröffentlichung schildert anhand der vorliegenden und nachgewiesenen Quellen das Leben Hans Scholls von der Kindheit über eine Zeit in der Hitlerjugend, über Leseinteressen und Begegnungen bis zur Formierung des Widerstands in Flugblättern und zur Ermordung zusammen mit seiner Schwester und seinen Freunden durch den Staat Hitlers. Diesen sah er als eine „Diktatur des Bösen“, in der auch der Tyrannenmord christlich gerechtfertigt wäre.

Besonders herausgearbeitet werden neben den Kriegserfahrungen in Frankreich und Russland die geistigen Entwicklungen des viel lesenden und auch Gedichte schreibenden Medizinstudenten. Nietzsche, Stefan George und Rainer Maria Rilke waren seine ersten Leitsterne, die dann von Augustinus, Newman, christlichen Autoren des französischen „renouveaux catholique“ (Paul Claudel, Georges Bernanos, Charles Péguy) und anderen Franzosen wie André Gide und Paul Verlaine abgelöst wurden. Entscheidende Impulse erhielt Scholl nicht nur durch seine breite Lektüre, sondern durch die häufige Begegnung mit den katholischen Autoren Carl Muth (1867-1944), dem Herausgeber der Kulturzeitschrift „Hochland“, und Theodor Haecker (1879-1945), der bis zuletzt mit dem Kreis der Geschwister Scholl engen Kontakt hatte und dem man aufgrund seiner ernsten Aufrichtigkeit manche polemischen Einseitigkeiten verzieh. Bis kurz vor der Verhaftung bestand Kontakt zum katholischen Maler Wilhelm Geyer (1900-1968).

Knab hebt Hans Scholls bewegendes Bekenntnis als gläubiger Christ („meine Wende“) vor Weihnachten 1941 hervor, bei dem der Eindruck des „Turiner Grabtuches“ eine Rolle spielte, und beschreibt auch interne Konflikte bei der Abfassung der Flugblätter, etwa mit Professor Kurt Huber. Hans Scholl lehnte den preußischen Militarismus immer grundsätzlicher ab und stand darin mit Josef Pieper auch gegen Ernst Jünger (82). So unstet und rastlos er in seinen privaten Beziehungen und seinem Gemütsleben war, so entschieden wurde sein christlicher Glaube und sein Wille zum Widerstand, dem sich seine Schwester Sophie immer mehr anschloss. Beide haben sich – wie Knab vermutet – in den letzten Wochen ihres lebensgefährlichen Agierens auch mit Aufputschmitteln, zu denen Hans als Mediziner leichten Zugang hatte, geholfen. Hans Scholl erwog in der Haft noch eine Konversion zum Katholizismus, verzichtete darauf aber mit Rücksicht auf seine pietistische Mutter und ließ sich vom evangelischen Gefängnisseelsorger vor seiner Hinrichtung nach einer Schriftlesung das Abendmahl reichen.

Das alles beschreibt Jakob Knab fundiert und engagiert. Er fügt noch ein instruktives Kapitel „Erinnerungskultur und Rezeptionsgeschichte“ (200-215) an, den Text der Flugblätter der Weißen Rose und verschiedene Webadressen. Seine Biografie „Ich schweige nicht“ ist derjenigen von Robert M. Zoske („Flamme sein!“, München 2018) ebenbürtig, allerdings klarer und stringenter in ihrer Konzentration auf das wesentliche Motiv einer manchmal schillernden und zerrissenen Persönlichkeit, die am Ende ihren Frieden in Gott und Christus gefunden hat.

Stefan Hartmann

Knab, Jakob: Ich schweige nicht. Hans Scholl und die Weiße Rose, wbg Theiss 2018, 272 Seiten, € 24,95 ISBN: 9783806237481

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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