Pastoraltheologie bei Benedikt XVI.

Der Frage, was für eine Pastoraltheologie sich im Werk Joseph Ratzingers/Benedikts XVI. ausdrückt, ist bisher kaum nachgegangen worden. Sein Profil ist eher systematisch das eines „Theologenpapstes“, als pastoral wie bei seinem Nachfolger Papst Franziskus oder beim hl. Papst Johannes XXIII., der das Zweite Vatikanische Konzil ausdrücklich als „Pastoralkonzil“ werten wollte. Doch die Gegenüberstellung von pastoralem und dogmatischem Denken kann einem echten katholischen Theologen und Kirchenmann nicht gerecht werden. Es daher sehr zu begrüßen, dass mit P. Thiemo Klein LC, derzeit Studentenseelsorger an der Katholischen Hochschulgemeinde Wien, ein Kenner der Schriften Ratzingers der Frage nach dessen „Pastoraltheologie“ in einer übersichtlichen wissenschaftlichen Forschungsarbeit nachgeht.

Auch wenn Ratzinger nicht als Pastoraltheologe, sondern eher als Fundamentaltheologe, Dogmatiker und Ekklesiologe wahrgenommen wird, lassen sich von Beginn seiner priesterlichen Berufung pastorale Motive erkennen. Seelsorge, Liturgie, Predigt, Katechese -das waren alles Tätigkeiten, die ihn auch nach der getroffenen Entscheidung für eine theologische Laufbahn stets begleiteten. Klein zitiert aus den letzten Gesprächen mit Peter Seewald: „Ich würde sagen, ich versuchte vor allem ein Hirte zu sein“ (14). Anders als bei Karl Rahners anthropozentrischem Denken oder Martin Luthers antispekulativem Ansatz („vera theologia est practica“) bekam für die an der Offenbarung orientierte Theologie Joseph Ratzingers Pastoraltheologie keinen besonderen systematischen Ort.

Gerade deshalb stellt sich die Frage nach seinem pastoraltheologischen Ansatz, dem in seinen Grundlegungen und Entwicklungen Klein themen- und textorientiert nachgeht. Erfasst wird vorweg der vorhandene Forschungsstand. Dabei schildert er emotionslos zunächst recht laute negative Stimmen (u.a. von Hans Küng, Hermann Häring, Matthew Fox, Ottmar Fuchs, Norbert Mette, Detlef Schneider-Stengel, Christian Bauer), die Ratzinger als zu platonisch, metaphysisch, idealistisch und – trotz seiner aktiven Mitarbeit am Zweiten Vatikanum! – als „vorkonziliar“ ansehen. Sein Menschenbild sei zu pessimistisch und er stelle sich gegen politisches Engagement (20). Gegen diese Einordnungen sprechen die hohen Verkaufszahlen der Bücher Ratzingers/Benedikts XVI., besonders der „Einführung in das Christentum“ und der späten Jesus-Trilogie. Positive pastoraltheologische Stimmen werden gesammelt von Michael Fahey, Hubert Windisch, Gerd Lohaus, Andreas Wollbold, Michaele C. Hastetter und Philipp Müller (20-26). „Für Ratzinger steht der Glaube im Mittelpunkt der Pastoral, nicht die Struktur der Kirche“ (22). Seine Priorität ist die „innere Umkehr und die persönliche Hinwendung zum Herrn“ (Andreas Wollbold).

Im Verhältnis von Kirche und Welt sieht Klein methodisch den Gegenstand der Pastoraltheologe und möchte unter diesem Aspekt Biografie und Werk Ratzingers sichten (27). Frühe Berührungspunkte mit der Pastoraltheologie sieht er im Theologiestudium durch den geistigen Kontakt mit dem „bayerischen Kirchenvater“ Johann Michael Sailer, mit dem Gegensatzdenken Romano Guardinis und in der Formung durch seinen Seminardirektor und pastoraltheologischen Lehrer Josef Pascher, der einen mehr liturgischen Schwerpunkt hatte. Dazu ergänzend bringt Klein im Anhang ein Gespräch mit dem Traunsteiner Freund und Studiengefährten Rupert Berger (167-173). Obwohl Ratzingers erster Lehrauftrag 1952 eine Dozentur für Sakramentenpastoral am Freisinger Priesterseminar war, blieb die Pastoraltheologie in seiner Ausbildung „nebensächlich“ (37). Doch in diversen Predigten und wichtigen Beiträgen wie „Die Christliche Brüderlichkeit“ und „Die neuen Heiden und die Kirche“ (beide 1958) schärft sich sein Blick auf das pastoraltheologische Feld der Beziehung von Kirche und Welt in Richtung einer missionarischen Pastoral (42-45).

In der Bonner Zeit, in die auch seine Berufung zum Konzilsberater von Kardinal Joseph Frings fällt, konzentriert sich Ratzinger auf Themen wie „Das Heil in Person: Jesus Christus“ (45), auf eine „ausgeglichene Position zwischen Inkarnations- und Kreuzestheologie“ (46) und reflektiert konkret über den pastoralen Dienst des Predigens. „Zusammenfassend kann man feststellen, dass ein grundsätzliches Interesse an der Beziehung von Kirche und Welt Ratzingers früher Theologie eine pastorale Grundlegung gibt“ (49).

Diese Beobachtung wird nun von Klein entfaltet in der Schilderung der darauffolgenden „Entwicklungen im Verständnis des Verhältnisses von Kirche und Welt“ (51-103). Die dabei vorgestellten Schwerpunkte Ratzingers sind die Zeugnisfunkton der Kirche gerade auch in ihrer konziliaren Selbstdarstellung (51-54), das Thema „Mission und Dialog“ (54-60), für das das Konzil die „Öffnung auf die Quellen, die Öffnung auf die Mitchristen, die Öffnung auf die Fragen der ganzen Menschheit“ (55) wolle, und der pneumatologische Aspekt der Pastoral (60-65). Im Zentrum kirchlicher Aktion muss die Liebe stehen, weshalb Ratzinger „der Mission eindeutig Vorrang vor dem Dialog“ (57) gibt. „Der pneumatologische Aspekt der Pastoral“ (60-65) steht nicht am Rande, sondern ergibt sich aus Ratzingers intensiver Befassung mit Augustinus und Bonaventura.

Die Kirche „lebt immer von der ungreifbaren Kraft des Heiligen Geistes und nie von der inzwischen erreichten Macht ihrer Organisation“ (64). Zum rechten Umgang mit den in GS 4 erwähnten „Zeichen der Zeit“ (65-71) gehört nicht die Anpassung oder die Meinung einer Mehrheit, sondern die „Gabe der Unterscheidung der Geister“, die auch selbst- und gesellschaftskritisch sein kann (70). Das für die Beziehung von Kirche und Welt wichtige „Aggiornamento“ (71-77), das Papst Johannes XXIII. als Begriff prägte, wird von Ratzinger mit dem jungen Roncalli vertieft als „Ringen um die wahre Form der Heiligkeit“ (73) in der Nachfolge Jesu. Nicht erst seit seiner Freiburger Rede 2011, sondern schon in frühen Artikeln spricht Ratzinger von der nötigen „Entweltlichung“ der Kirche als Befreiung von falscher Bindung an weltliche Privilegien wie Besitz und politischen Einfluss. Klein schreibt dazu prägnant: „Die ‚Entweltlichung‘ ist eine ‚Verwesentlichung‘, eine Sicherung der Kernkompetenz der Kirche gegenüber der Zerstreuung ihrer Kraft ins Nicht-Eigentliche“ (77). Erst so kann (mit Kardinal Kurt Koch) „die Gottesfrage wieder neu in den Mittelpunkt des kirchlichen Lebens und der Verkündigung“ (80) rücken.

Da Ratzinger stets an der Person orientiert und nicht strukturbezogen denkt, kommen nun auch „pastorale Handlungsträger“ (80- 95) differenziert in den Focus der Studie: Bischöfe, Priester, Diakone und Laien im pastoralen Dienst. Haltungen wie Mut, Tapferkeit, Ehrlichkeit, Authentizität und Kontemplation müssen die Träger pastoraler Ämter prägen damit sie nicht im negativen Sinne „Pastoralmacht“ (Michel Foucault) ausüben.

Priester sollen „geistlich Geistliche“ (Johann Michael Sailer) sein und mutig ihrer Leitungsfunktion nachkommen. Von Predigern fordert Ratzinger „absolute Ehrlichkeit in subjektiver und objektiver Hinsicht“ (89). Diakonen und Laien im pastoralen Dienst kommt eine „Brückenfunktion“ (95) zwischen den Menschen und der Kirche zu. Auch sie sind in ihrem Einsatz dem Gebet und dem Pneuma verpflichtet (93). Klein fällt öfter Ratzingers „Ironie gegen Sitzungen von Seelsorgern auf, die dem persönlichen Kontakt mit dem Menschen gegenübergestellt werden“ (88). Aber die Fähigkeit, in wirklicher Gemeinschaft zu leben, zu feiern und zu beten muss immer neu gelernt werden (91). Eine etwas breitere Sicht auf Ratzingers Theologie des bischöflichen und priesterlichen Amtes in „Weggemeinschaft“ (92) mit dem gläubigen Volk Gottes wäre hier (im Anschluss an JRGS 12) ein bleibendes Desiderat.

Die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ des Zweiten Vatikanischen Konzils befasst sich explizit mit dem Verhältnis Kirche-Welt (95-102) und wird von Ratzinger in ihrem Anthropozentrismus durchaus kritisch kommentiert. Aber sie kann nach seinem bekannten Wort auch gesehen werden „als eine Revision des Syllabus Pius‘ IX., eine Art Gegensyllabus“, als ein Versuch „der Versöhnung mit dem Geist der Neuzeit“ (97). Es sei jedoch „bei der Darstellung von Joseph Ratzingers Rezeption von ‚Gaudium et spes‘ über die Jahrzehnte ein wachsendes Unbehagen“ (102) festzustellen. Klein resümiert auch die verschiedenen Themenfelder zum Verhältnis von Kirche und Welt angesichts der Säkularisierung als von zunehmender Sorge gezeichnet. Er akzentuiere dennoch Pneuma und Person als Referenzpunkte und entwickle „keine eigene Pastoraltheologie, sondern eine pastorale Theologie“ (103).

Zum „Zusammenhang von Theologie und Pastoral“ (105-119) meinte Ratzinger mit Bezug auf die erste Sitzungsperiode des Konzils, dass „Pastoral“ nicht heißen sollte „verwaschen und unpräzis, sondern es sollte heißen: frei von Schulgezänk, ohne Einmischung in Fragen, die nur die Gelehrten angehen“ (105). Es ist wichtig, dass „rechtverstandene Dogmatik und Pastoral nicht nebeneinander, sondern nur ineinander existieren können“ (106). Klein erfasst Ratzingers Intention bis zu seiner Jesus-Trilogie sehr treffend: „Die pastorale Priorität, die Person Jesu Christi zugänglich zu machen, ist in seinem Werk von Anfang an spürbar. Der Glaube bedeutet ihm eine persönliche Beziehung zu Gott durch Jesus Christus“ (107).

Die ganze Theologie ist recht verstanden ein pastoraler Dienst, der die Begegnung des Einzelnen mit Jesus Christus fördern will. Dabei ist wie bei Romano Guardini der Logos dem Ethos vorgeordnet, die Kontemplation der Aktion, das Geistliche der bloßen „Praxis“, die aus der Einsicht des vorausgehenden Glaubens zu erfolgen hat. Daher kritisiert Ratzinger, wenn „sich die Pastoraltheologie durch Empirismus und eine fundamentale Zuwendung zu den Humanwissenschaften vom Rest der Theologie absondert“ (117). Aber auch „die Unfähigkeit, die ‚Erbsünde‘ zu verstehen und verständlich zu machen, ist wirklich eines der schwerwiegendsten Probleme der gegenwärtigen Theologie und Pastoral“ (118).

An „vier Praxisfeldern“ (121) wird Ratzingers Beitrag zur Pastoraltheologie von Klein dann exemplarisch aufgezeigt: am Problem der Pastoral mit wiederverheirateten Geschiedenen, die nicht mit äußeren Erleichterungen, sondern mit dem Ruf zu Umkehr und Glaube pastorale Hilfe erfahren (122-135), an der Katechese (135-144), über die Ratzinger als frischer Glaubenspräfekt 1983 in Paris vor den französischen Bischöfen eine große Rede hielt (136-141), und die sich nicht einer „radikalen Anthropozentrik“ (138) oder einer „Offenbarungsqualität der Lebenswirklichkeit“ (141) unterordnen dürfe, sondern aus dem Glauben heraus sprechen müsse.

Demselben Anliegen wollen auch Ratzingers/Benedikts XVI. pastoral orientierte Gesprächsbücher mit Vittorio Messori (1985) und Peter Seewald (1997, 2000, 2010, 2016) über Fragen von Glauben und Kirche dienen (144-150). Zur Umsetzung des Konzils gehört im Anschluss an die Päpste Paul VI. und Johannes Paul II. auch das Anliegen der „Neuevangelisierung“ (150-158) einer säkularisierten und den Glauben verlierenden Welt. Ratzinger schrieb dazu 1995 einen wichtigen Aufsatz (JRGS 8/2, 1231-1242), der auf personale Kriterien wert legt und so dem „Glauben der Einfachen“ (154) dient. Als Papst hat er dann 2010 mit dem Motu proprio „Ubicumque et semper“ (155-158) einen „Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung“ errichtet und damit das pastorale Anliegen auch institutionell verankert. Beim universalen Anspruch des Evangeliums geht es um den Missionsbefehl Jesu aus Mt 28, 19-20 (159).

Die sorgfältige und von tiefer Kenntnis der Texte (Bücher, Artikel, Reden, Predigten) Joseph Ratzingers/Benedikts XVI. zeugende Arbeit des Priesters Thiemo Klein LC ist klar strukturiert und kommt zu einem zusammenfassenden „Ertrag“ (161) in drei Thesen: 1. Wichtig ist Ratzinger/Benedikt XVI. seit seinem Studium die Erhaltung und Weitergabe des Glaubens; 2. Er ist kein Pastoraltheologe, sondern versucht, ein pastoraler Theologe zu sein in Sorge um den Glauben des Einzelnen und der Menschen; 3. Dies hat vielgestaltige Auswirkungen, ohne dass sich dadurch ein definiertes System ergibt. So ist er „Vordenker für eine Pastoral, die den Glauben ermöglicht“ (162). Ratzinger „ist weder ein Platonist noch ein Idealist. Den Zeichen der Zeit sowie der Gegenwart insgesamt begegnet er mit sorgfältiger Unterscheidung, was einen christlichen Realismus belegt, der eine authentische Theologie im Dialog mit der Gegenwart entwickeln kann“ (162). Nicht eine einschläfernde Wellness oder ein politischer Aktivismus ist Ziel seiner pastoralen Sorge, sondern zuerst „die Förderung des Glaubens“ (163), der die Heiligung des Alltags ermöglicht. Damit steht der pastorale Theologenpapst Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. in seinem ganzen spirituellen und intellektuellen Einsatz nahe bei einem bekannten Satz Goethes aus dem „West-östlichen Divan“: „Das eigentliche, einzige und tiefste Thema der Welt- und Menschengeschichte, dem alle übrigen untergeordnet sind, bleibt der Konflikt des Unglaubens und Glaubens.“ Das erklärt auch, warum der nun emeritierte Papst nie einer harten Auseinandersetzung aus dem Weg gegangen ist – schon gar nicht aus pastoralen Gründen.

Stefan Hartmann

Klein, Thiemo: Pastoraltheologie im Werk Joseph Ratzingers / Benedikts XVI. Grundlegungen und Entwicklungen (MMIPB 5), Schnell & Steiner 2020, 191 Seiten ISBN 978-3795435479 € 24,95

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