Wie redet Gott mit uns?

Jeder Prediger, Theologe und Bibelleser muss sich dem „Wort Gottes“ in der Bibel Alten und Neuen Testamentes antwortend und verstehend nähern. Gewöhnlich wird ein Gegensatz zwischen fundamentalistischem und historisch-kritischem Bibelverständnis gesehen, neuerdings auch eine „kanonische Exegese“. Der Theologe und Journalist Frank Hofmann (Hamburg) geht über solche meist falschen Alternativen hinaus und analysiert sprachanalytisch und theologisch den Begriff „Wort Gottes“ bei Augustin, Martin Luther und Karl Barth, den wohl sprachmächtigsten Vertretern der abendländischen Theologiegeschichte. Dabei knüpft er u.a. an Ingolf U. Dalferths „Religiöse Rede von Gott“ (München 1981) an. In der Bibel sieht Hofmann das Wort Gottes zunächst unterschieden in prophetisches, gesetzliches und schöpferisches Wort. Das personifizierte Wort knüpft an die personifizierte Weisheit (Spr 8) an, die Hartmut Gese als traditionsgeschichtlichen Ursprung für den Logoshymnus im Johannesprolog ansah. Als ein kritisches Wort gilt das paulinische „Wort vom Kreuz“ (1 Kor 1.18-25).

Augustin von Hippo, der große Rhetor, Bischof und Kirchenvater, interpretiert Wort Gottes zunächst als aus dem Buch der Schöpfung les- und hörbares Zeichen: „Es rufen zu dir Himmel und Erde: Gott hat mich geschaffen'“ (52). Bevor es gesprochen und gehört wird, ist ein „inneres Wort“, eine innertrinitarische Relation, die dann zur Aussage kommt „Das Wort ist der Sohn“. Das menschliche und göttliche Wort ist für Augustin ein Zeichen und damit Semiotik. Für Martin Luther ist das Wort mehr als ein Zeichen, es ist Sache (res) und zu deutender Inhalt, damit eine Semantik, die den gesamten Sinnzusammenhang, der durch das Wort Gottes gestiftet wird, zu erfassen versucht. Karl Barth sieht Wort Gottes auch als Menschenwort, das menschliche Sprachlichkeit und Kommunikation mit göttlicher Wirklichkeit „pragmatisch“ verbindet. Auf einem sehr hohen und sprachkritischen Reflexionsniveau werden die Intentionen der drei repräsentativen Protagonisten erörtert.

In einem „systematischen Ertrag“ fasst Hofmann seine Analyse zusammen und verbindet Augustins Wort als Zeichen mit Ludwig Wittgensteins Sprachphilosophie. Luther wird mit dem Bild des „Sprachspiels“ einzuordnen versucht, Karl Barth mit John L. Austins „Theorie der Sprechakte“. Dem Ganzen ist als Zusammenfassung eine zehnteilige Explikation des Begriffs „Wort Gottes“ beigefügt (235f) und eine Reflexion möglicher Einwände gegen Versuche, die Beziehung von Sprache und Religion theoretisch zu erfassen. Abschließend wird in sieben Punkten die aktuelle Relevanz des Theologumenons vom Wort Gottes beschrieben und mit einem Martin Walser-Zitat zur Ehrfurcht im Gebrauch der Sprache motiviert. Hofmanns nicht immer leicht zu lesendes Buch ist vor allem fundamentaltheologisch überkonfessionell weiterführend. Leider findet die Beziehung von Wort und Mystik (Emil Brunner, Adrienne von Speyr) und der dialogische Charakter der Sprache keine Beachtung.

Stefan Hartmann

Hofmann Frank: Wie redet Gott mit uns? Der Begriff „Wort Gottes“ bei Augustin, Martin Luther und Karl Barth, Theologischer Verlag Zürich 2019, 274 Seiten, € 36,90 ISBN: 9783290182649

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