Erlebte Kirche

Zum 90. Geburtstag Peter Henricis, des Zürcher Jesuiten, Professor für Neuere Philosophiegeschichte der Päpstlichen Universität Gregoriana, Weihbischof von Chur und Generalvikar mit Sitz in Zürich, hat sein ehemaliger Sekretär Urban Fink in der „Edition NZN“ des Theologischen Verlags Zürich unter dem Titel „Erlebte Kirche – Von Löwen über Rom nach Zürich“ einige kirchengeschichtlich repräsentative Texte herausgebracht.

Henrici, ein Neffe des großen Hans Urs von Balthasar, über den er auch viel publizierte, ist ein Hegel- und Blondel-Spezialist und hatte mit seinem römischen Lehrstuhl eine breite Ausstrahlung. Karl Kardinal Lehmann hat bei ihm über Heidegger promoviert. Die entscheidenden Schnittstellen der kirchlichen Entwicklungen vor, während und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat Henrici intensiv vor Ort miterlebt und berichtet darüber. Der Aufsatz aus Löwener Perspektive „Das Heranreifen des Konzils in der Vorkonzilstheologie“ (17-30) gilt fast als ein Klassiker, es folgen persönliche Konzilserfahrungen und weitere römische Beobachtungen. Zeitgenössische Protagonisten wie Richard Gutzwiller SJ, Karl Rahner, Chiara Lubich und Carlo Maria Martini als Jesuit, Exeget und Bischof von Mailand werden porträtiert. Hohes Lob findet Pater Robert Leiber SJ, der Privatsekretär Papst Pius‘ XII. Erinnerungen und Begegnungen mit den Päpsten Paul VI. und Johannes Paul II. werden liebevoll geschildert, auch „Papst Benedikt und seine Kurie“ (80-84).

Zusammen mit dem Ordenspriester Paul Vollmar wurde Henrici 1993 zum Weihbischof von Chur ernannt, um dem angeschlagenen und später nach Vaduz versetzen Diözesanbischof Wolfgang Haas in einer Krisensituation beizustehen (mit einem slowenischen Priesterfreund hat der Rezensent an der Bischofsweihe am 31. Mai 1993 in Einsiedeln teilgenommen). In diesem Kontext entstanden Skizzen zu einem „nachkonziliaren Kirchenbild“ (85-103) und wurden „Anfragen an die Kirche“ (105-160) formuliert: zur Existenz eines „katholischen Fundamentalismus“ (Text von 2001 aus der Zeitschrift „Communio“, zu deren Herausgebern Henrici zählt), zur Kirche als Ort der Kommunikation und zu alternativen Führungsmodellen in Zeiten der Globalisierung. Ein sehr instruktiver Aufsatz widmet sich historisch dem Thema „Die Geburt der Universität aus dem Geist der Kirche“. Schließlich drehen sich mehrere Texte um die spezifische staatskirchenrechtliche Lage in der Schweiz mit einem „dualen System“ von Kirche und Staat, das für Außenstehende zunächst nicht leicht zu verstehen ist und in dem die auch finanzielle Eigenständigkeit der Gemeinden/Pfarreien manchmal zu einem kongregationalistischen Missverständnis (182) führt.

Henrici weist jedoch nach, wie viel Positives und Konstruktives aus dieser Situation wachsen kann und lobt die Partnerschaft von Kirche und Staat im Kanton Zürich (185-193). Beigefügt sind ökumenische Predigten und Texte mit einer Würdigung des reformierten Kirchenratspräsidenten Ruedi Reich, mit dem Henrici eng zusammenarbeitete. Hegel, Kierkegaard und Karl Barth waren bedeutende evangelische Lehrer für ihn, von dem von Papst Franziskus heiliggesprochenen Gründungsjesuiten Peter Faber lässt er seinen Umgangsstil mit Protestanten prägen. Glaubwürdige Seelsorge ist wichtiger als Kontroverstheologie.

Sehr vornehm begründet Henrici, warum er der reformierten Einladung zum Abendmahl nicht folgen kann. Wiedergegeben ist auch eine brillante Ablasspredigt in der Zürcher Martin-Luther-Kirche aus dem Hl. Jahr 2000. Der Band enthält vierzig teils farbige Aufnahmen aus dem Leben und Wirken Peter Henricis, biografische Angaben, Glossar und Personenregister. Theologie- und kirchengeschichtlich Interessierten ist der Band „Erlebte Kirche“ sehr zu empfehlen.

Stefan Hartmann

Henrici, Peter; Fink, Urban (Hrsg.): Erlebte Kirche. Von Löwen über Rom nach Zürich, Theologischer Verlag Zürich 2018, 261 Seiten, € 23,90 ISBN 9783290201630

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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