Stefan Heid entmythologisiert die Entmythologisierer

Den engen Zusammenhang zwischen Christus, Priestertum, Opfer, Altar und Kult hat der Hebräerbrief in unübertroffener Dichte dargelegt. Stefan Heid, Priester der Erzdiözese Köln, seit 2001 Professor für Liturgiegeschichte und Hagiographie am Päpstlichen Institut für Christliche Archäologie in Rom, ruft mit seiner breit angelegten und opulent bebilderten Studie wichtige im Hebräerbrief angelegte Grundwahrheiten des katholischen Glaubens in Erinnerung. Der Autor ist nicht gerade für Zurückhaltung in der Wortwahl bekannt, vielmehr dafür, scharf und pointiert liebgewordene Vorurteile anzugreifen. Und so entlarvt der Autor die Vorstellung von einem ursprünglich kult- und altarfreien Urchristentum, das mehr oder weniger nur Liebesmähler und Picknicks veranstaltet hat und dann von einer nachkonstantinischen Kirche klerikalisiert und mit altrömisch- senatorischer Gravitas versehen und mystifiziert wurde, als Des-Orientierung, als romantisches Mythologem der protestantisch-liberalen Kirchengeschichtsschreibung. Dieses Konstrukt hat allerdings recht früh Eingang in die katholische Forschung gefunden. Heid arbeitet sich besonders an Franz Wieland ab. Heid war von 2006 bis 2012 Vizerektor am Campo Santo Teutonico in Rom – Wieland forschte von 1906 bis 1912 ebendort über das Frühchristentum mit dem Ergebnis, bis ins 3. Jahrhundert hinein habe es weder Altäre noch Opfer im Christentum gegeben.

Dank differenzierter und sensibler Quellenauswertung kann Heid diese These revidieren und von einer hundertjährigen Staubschicht befreien: So bringt er überzeugend den Typus des sog. Sakraltisches ins Spiel. Es handelt sich um spezielle Tische, die in der paganen Antike bei abendlichen Festmählern, die mit einem Speiseopfer verbunden waren, in Verwendung waren. Sie standen in engem Zusammenhang mit der festlichen Handlung des Essens, waren aber gerade nicht als Mahltische in Verwendung, sondern als Kultstätten im Rahmen eines gemeinsamen Mahles. Diesen Typus haben (so Heid) die Christen als Tisch des Herrn übernommen. Damit ist einerseits eine Verwechslung von Schlachtopfern heidnischen Typs bei den Christen ausgeschlossen, andererseits ist dem Zusammenhang Letztes Abendmahl – res sacra – Eucharistie – Kreuzesopfer – Christus als Hoherpriester – Jerusalemer Tempel Genüge getan. Stefan Heid wirkt einer völligen De- und Entsakralisierung des Christentums entgegen.

Heid vertritt eine gesunde Mittelposition: Natürlich ist dem Christentum eine starke Kritik an Religion und religiös-sakrifizieller Praxis inhärent, es ist – im besten Sinne des Wortes – aufklärerisch. Es überwindet die pagane Religion, ihren Do-ut-des-Gedanken. Weder sind die Worte „Kirche“ und „Basilika“ ursprünglich sakral, noch entsprechen frühchristliche Versammlungsräume antiken Tempeln. Dennoch ist der christliche Altar als Ort des eucharistisch vollzogenen Kultaktes (in enger Anlehnung an das Alte Testament) ein sakraler Ort, Ort der Heiligkeit und Heiligung, Ort des Kultes und des Gebetes. Das Christentum ist kein Vehikel der Entsakralisierung, es intendiert vielmehr die Vertiefung, die Verinnerlichung.

Daher ist das christliche Gebetshaus Ort der Präsenz Gottes. Im christlichen Altar finden Horizontalität und Vertikalität zu einer harmonischen Synthese. Architektur, Gebetshaltung, Gebetsostung, Sakralisierung des Raumes und der Zeit – dies alles ist die Folge des in der Eucharistie rememorierten und repräsentierten Erlösungsaktes Christi, der durch sein heiliges Kreuz die Welt erlöst und alles in sich erneuert hat. Heid versteht es, die beiden seit Jahrhunderten polemisch gegeneinander ausgespielten Begriffe von der „sacra synaxis“ und dem „Schlachtopfer der „Altäre“, von Mahl und Opfer, harmonisch und theologisch stimmig in ein überzeugendes archäologisches Konzept zu gießen, nicht ohne viele Impulse für weiteres Nachdenken zu geben, etwa zur Bedeutung des Schaubrottisches im Tempel zu Jerusalem für die frühchristliche Opferpraxis.

Heids Untersuchung ist zukunftsweisend: Sie hilft, aus polemischen Verengungen des 19. Jahrhunderts und einer romantisierenden Sicht des Urchristentums herauszufinden, ohne starr traditionalistisch zu argumentieren. Ein besonderer Genuß sind die qualitativ hochwertigen Abbildungen. Dieses Buch kann jedem liturgie- oder kunsthistorisch interessierten Leser empfohlen werden, ist aber auch für Historiker und Archäologen interessant.

Eugenius Lersch

Heid, Stefan: Altar und Kirche. Prinzipien christlicher Liturgie, Schnell & Steiner 2019, 496 Seiten, € 50,- ISBN: 9783795434250

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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