Die Geschichte eines Kirchenvaters

Mit dem 28. Februar 2013 endete vor sechs Jahren das am 19. April 2005 begonnene Pontifikat des bayerischen Theologenpapstes Benedikt XVI. und ist damit Kirchengeschichte. Das Schreiben einer großen Biographie ist daher bereits möglich, zumal der Protagonist als „emeritierter Papst“ sich selbst Schweigen und kirchenpolitische Enthaltsamkeit auferlegt hat. Elio Guerriero, Jg. 1948, ist wie kaum ein anderer Autor durch seine langjährige Verbundenheit mit Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. in Theologie und kirchlicher Zeugenschaft dazu prädestiniert,

Viele Jahre war er Schriftleiter der italienischen Ausgabe der von Ratzinger mitbegründeten „Internationalen Katholischen Zeitschrift Communio“ und verfasste mehrere Biographien, u.a. über Ignazio Silone, Hans Urs von Balthasar und Gianna Molla. Nun legt der Herder Verlag Freiburg seine 2016 in Italien (Mailand) erschienene große Biographie Papst Benedikts XVI. in deutscher Übersetzung vor. Durch ein Vorwort von Papst Franziskus und ein kurzes Interview mit dem Emeritus in dessen Rückzugsort „Mater ecclesiae“ bekommt das Buch fast einen offiziösen Charakter. Guerriero schildert von Kindheit und Jugend an ausführlichst das Leben, die Begegnungen und Freundschaften sowie die geistig-theologische Entwicklung Joseph Ratzingers. Persönliches und Intellektuelles findet gleichermaßen Beachtung, parallel bietet die Darstellung eine Folie für die neuere Kirchen-und Theologiegeschichte. Hervorgehoben wird die Prägung durch Augustinus, Bonaventura und Romano Guardini, die auch für Ratzingers dargestellten Beitrag zum Zweiten Vatikanischen Konzil wichtig war.

Der Weg vom jungen Star-Theologen zum Erzbischof von München, Glaubenspräfekt in Rom und schließlich Papst ist als organische und bruchlose Linie erkennbar, alles andere als eine verbissen angepeilte „Karriere“. Auch der oft behauptete Widerspruch zwischen einem frühen progressiven und einem späteren (erz-)konservativen Theologen wird biographisch zurückgewiesen. Guerriero befasst sich explizit mit einzelnen theologischen Schriften Ratzingers, besonders der „Einführung in das Christentum“ (1968) und der in Regensburg entstandenen Eschatologie (1977).

Viele Ereignisse werden beschrieben, die deutschen Lesern manchmal weniger bekannt sind: die intensive Zusammenarbeit mit Johannes Paul II., die Auseinandersetzung mit der „Theologie der Befreiung“ und Leonardo Boff, die Arbeit am 1992 erschienenen „Weltkatechismus“, der Einsatz für die christlichen Wurzeln Europas, die Auseinandersetzungen mit der von Kardinal Karl Lehmann geleiteten Deutschen Bischofskonferenz über den Umgang mit wiederverheiratet Geschiedenen und darüber hinaus die Beteiligung an der staatlichen Schwangerenkonfliktberatung. Viele seiner Schriften wurden in deutschsprachigen Landen aufgrund pejorativer Voreinstellungen („Panzerkardinal“) nicht rezipiert — Guerriero führt sie einzeln auf.

Besonders spannend ist dann seine Schilderung der Papstjahre mit den oft dramatischen Vorkommnissen (u.a. Piusbruderschaft und Williamson-Affäre, Missbrauchskrise, Vatileaks), der Veröffentlichung der „Jesus-Trilogie“ und den großen Reisen, zuletzt im September 2012 in den Libanon. Bewegend wird geschildert, wie Benedikt im Oktober 2012 nach der Feier des 50. Jahrestages des Zweiten Vatikanischen Konzils seinem Sekretär mitteilt, auf das Papstamt verzichten zu wollen, und dann die weiteren Schritte setzt. Erbaulich sind die letzten Abschnitte der Biographie über den Emeriten im Vatikan- Kloster, seine tief geistliche Freundschaft mit seinem Nachfolger und sein Erbe, für das die drei Enzykliken, die drei besonderen Jahre (Paulus-, Priester- und Glaubensjahr) und die drei Jesus- Bücher stehen.

Guerrieros große und umfassende Benedikt-Biographie ist aus italienischer Perspektive geschrieben und empfiehlt sich gerade deshalb einer oft in Vorurteilen befangenen deutschen Leserschaft. Ratzingers/Benedikts „Polemik gegen ein Übermaß an Strukturen, insbesondere in der Kirche in Deutschland“ (581) wird in den letzten Zeilen, indirekt anspielend auf die Freiburger „Entweltlichungs“-Rede, erwähnt. Aber es fehlen in der Biographie einige spezifisch deutsche Hintergründe: die Auseinandersetzungen mit dem ZdK (Zentralkomitee der Katholiken) über Demokratisierung der Kirche, die Befassung mit der Würzburger Synode der 1970er Jahre, der intensive geistige Austausch mit Ida Friederike Görres (1901-1971), die Radikalisierung seiner Schüler/Freunde Johannes Dörmann und Paul Hacker, die Auseinandersetzungen mit Hans Maier und Kardinal Walter Kasper (zuletzt noch vor der Jahrtausendwende über den Vorrang von Universal- oder Ortskirche). Auch die versöhnliche Begegnung 1998 mit Johann Baptist Metz anlässlich dessen 70. Geburtstags in Ahaus und die leider eher negativen Diskussionen um das Interview „Letzte Gespräche“ (München 2016) mit Peter Seewald hätten in der deutschen Ausgabe Erwähnung verdient. Aber diese (und vielleicht noch andere) kleinen Lücken hindern nicht daran, Guerrieros gut lesbares, engagiertes und gründliches Werk bis auf weiteres als maßgeblich anzusehen.

Stefan Hartmann

Guerriero, Elio: Benedikt XVI. Die Biografie, Herder 2018, 653 Seiten, € 36,- ISBN: 978-3451378324

Erstabdruck in: Die Neue Ordnung 2018/6

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