Ich fühle, also bin ich?

In unserer postreligiösen Gesellschaft ist das Moralin zum Religionsersatz mutiert. Oder mit etwas mehr Charme und an Anlehnung an das Titelbild formuliert: Hypermoral ist der menschlich-sakrale Zeigefinger in der Wunde des Kränkungsfetischismus. „Wir leben im Zeitalter der Hypermoral.“ Mit diesem Postulat beginnt das jüngste Buch des Essayisten Alexander Grau, Jahrgang 1968. Hier beschreibt ein deutscher Philosoph, der über Hegels Erkenntnistheorie promovierte, den zum neuen Lifestyle gewordenen Moralismus. Man echauffiert sich heutzutage nicht, wie noch die Großelterngeneration, über den verloren gegangenen Anstand, über die unerzogenen Kinder des Nachbarn oder über Tattoos, sondern über Umweltsünder, Sexisten, Atomkraft und Kritiker der uneingeschränkten Migration. Wer diesen gängigen moralischen Wertevorstellungen widerspricht, dem droht soziale Ächtung und Aberkennung seiner persönlichen Urteilskraft.

Der Autor erläutert in seinem Buch die Entstehung und Entwicklung des in westlichen Gesellschaften verbreiteten Hypermoralismus. Grundsätzlich sei Moral unvermeidbar: Sie existiere seit Menschengedenken, genauso wie ihre regelmäßige Infragestellung. Später sei das Christentum als „Legitimationssystem“ der Moral dazugekommen. Durch die Säkularisierung habe sich die Ethik, die „rationale Begründung der Moral“ durchgesetzt. Wo sich Moralvorstellungen früher auf höherstehende Normsysteme beriefen, begründe sich das Gute heute allein aus dem Gutsein. Das mache die Moral zwangsläufig selbst zur Ideologie, zum Moralismus. Da Menschen allerdings nicht nur gut sein wollen, sondern auch nach Sinn und Erlösung streben, würden sie aus dem Gutsein eine Religion machen. Mit dem Motto „Wir verhelfen dem reinen Guten zum Sieg“ mutiere der Moralismus zum Hypermoralismus, in dem jeder für alles Schlechte, was in der Welt passiert, verantwortlich sei: Umweltverschmutzung, Intoleranz und Ungerechtigkeit. Die felsenfeste Überzeugung, das Gute an sich zu vertreten, ersticke jeden Versuch einer auf rationalen Argumenten basierende Diskussion im Keim. Gesellschaftliche Fragen werden moralisch hochgekocht, sachliche Einwände werden als empathielos oder „kalt“ diskreditiert. „Sogar technische, wissenschaftliche und ökonomische Probleme werden zu moralischen Fragen umgedeutet“, so Grau. Das jahrhundertelange Ringen für die Descart’sche „Ich denke, also bin ich“-Mentalität löse sich auf in eine „Ich fühle, also bin ich“. Einen Teil der Schuld trügen die Massenmedien, deren Ziel nicht sei, objektive Informationen detailgetreu widerzugeben, sondern für Unterhaltung durch Skandale zu sorgen und damit Emotionalisierung und Empörung hervorzurufen. Die Intoleranz der nach grenzenloser Toleranz Fordernden habe die Gefahr, ins Autoritäre abzugleiten.

Weitere Themen, die der Autor in seinem Werk behandelt und mit denen er seine These von der emotionalisierten und empörten Gesellschaft untermauert, sind die Industrialisierung, die Konsumgesellschaft, der Individualismus, die Globalisierung und die neuen Eliten. Ein interessanter Aspekt ist Graus lange Abhandlung über die Lage der christlichen Kirchen in Westeuropa. Fast leidenschaftlich plädiert er für den Glauben und für eine Art Erneuerung der Kirchen.

Der Essay ist nicht nur empfehlenswert für Philosophie,- Soziologie- und Theologiestudenten, sondern für alle, die sich für Analysen und Erklärungsversuche des Zeitgeistes und für gesellschaftliche Entwicklungen interessieren. Zur vertiefenden Lektüre sei „Moral und Hypermoral“ von Arnold Gehlen, das Werk, auf das sich Graus „Hypermoral“ bezieht, zu empfehlen.

Emanuela Sutter

Grau, Alexander: Hypermoral. Die neue Lust der Empörung, Claudius 2017, 128 Seiten, € 12,- ISBN: 978-3532628034

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