Ergänzungen der großen Biographie

Dem evangelischen Dichter Albrecht Goes (1908-2000) sagte sein damaliger Berliner Lehrer einmal zu seiner Verblüffung: “Wissen Sie denn nicht, daß Ihr Verstand auch getauft ist?“ Es war dies der christliche Religionsphilosoph und katholische Theologe Romano Guardini (1885-1968), der immer noch und immer wieder der tieferen Entdeckung und breiteren Würdigung harrt. Er schrieb einmal über „Die Lebensalter“ (Würzburg 1953) und je nach Alter traten seine Bücher ins Feld aufmerksamer Wahrnehmung: für den suchenden Studenten waren es die „Briefe über Selbstbildung“ oder vom Comer See, das „Ende der Neuzeit“ und „Die menschliche Wirklichkeit des Herrn“, in der Mitte des Lebens die Arbeiten über Dante und die leuchtenden Bilder und Gedanken „In Spiegel und Gleichnis“ (1932), im Alter nun die Bücher über Hölderlin, Rilke und Mörike oder wieder neu „Der Gegensatz“ mit vielem anderen. Es lohnt, die Werke des großen Veronesers, dessen Name „Wächter“ bedeutet, öfter zu lesen.

Wie Guardini einmal die Liturgiefähigkeit des modernen Menschen anfragte, kann „nachmetaphysisch“ und „postsäkular“ auch die Rezeptionsfähigkeit seinem Werk und seiner geistigen Gestalt gegenüber in Frage gestellt werden. Guardinis Schriften wurden kurz nach seinem Tode von Hans Urs von Balthasar, dem aufmerksamen Begleiter und (wie Hannah Arendt) Hörer seiner Berliner Vorlesungen, bestechend knapp und klar zusammengefasst („Reform aus dem Ursprung“, Neuausgabe Freiburg 1995). Eugen Biser diagnostizierte in seiner Guardini-Deutung „Interpretation und Veränderung“ (Paderborn 1979) eine „wirkungsgeschichtliche Krise“, einen „Verfall der Aura“ (Walter Benjamin) und einen „Wirkungsverlust“ auch in Folge der Kulturrevolution von 1968. Erst als zum 100. Geburtstag die große Biografie „Leben und Werk“ (Mainz 1985) von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz erschien, setzte ein neues und breiter werdendes Interesse ein. Nach mehreren Auflagen, seit 2005 auch in einer leicht gekürzten Topos-Taschenbuchausgabe, legt die kongeniale Interpretin, die bis 2011 an der TU Dresden den Lehrstuhl für Religionsphilosophie und vergleichende Religionswissenschaft innehatte und seither an der Phil.-Theol. Hochschule Benedikt XVI. in Heiligenkreuz bei Wien ein Institut für Philosophie und Religion leitet, nun unter dem Titel „Geheimnis des Lebendigen“ im Lauf der Jahre entstandene, überarbeitete und durch Materialien ergänzte „Versuche zu Romano Guardini“ vor. Sie sind ein Füllhorn an Erkenntnissen, Einsichten und Darlegungen, die eine wichtige Beigabe zur Biographie bilden.
In einer kurzen Skizze zu Person und Werk beschreibt Gerl-Falkovitz einführend Guardinis Entwicklung zum Klassiker christlichen Denkens und seinen Standort als „Theologe des Herzens“. Ein mündlich von ihm überlieferter Ausspruch war „Herz ist Geist in der Nähe des Blutes“. Guardini kennzeichnet seit seinem berühmten Erstling „Der Geist der Liturgie“ (1918) im Umgang mit der Wirklichkeit die „Lauterkeit des Blicks“, bei aller Offenheit für Veränderungen der Vorrang des Seins vor dem Werden, des Logos vor dem Ethos, der Wahrheit vor dem Tun und des Guten vor der bloßen Gesinnung. Der zweite Teil des Buches nähert sich dem „Geheimnis des Lebendigen“ bei Guardini durch seine Freundschaften und Begegnungen. Die wichtigste (neben dem 1926 tragisch in den Bergen verunglückten Karl Neundörfer) ist sicher Josef Weiger (1883-1966), der Studienfreund und spätere Pfarrer von Mooshausen im schwäbischen Allgäu. Guardinis Briefe an ihn („Ich fühle, daß Großes im Kommen ist“, Ostfildern 2008) sind unverzichtbar zum Verständnis. Im Mooshausener Pfarrhaus, das seit 1917 von Guardini besucht wurde und wo er Ende des Krieges nach der Zerstörung Berlins eine Zuflucht fand, begegnete er der eindrücklichen Newman-Übersetzerin Maria Theresia Knoepfler (1881-1927), die weit mehr als Weigers Haushälterin und den geistlichen Herren völlig ebenbürtig war. Die Bildhauerin Elisabeth Stapp hatte wie das Musikerehepaar Eugen und Maria Jochum in Mooshausen einen Bezugsort, stand mit Guardini im Austausch und war die letzte Bewohnerin des Pfarrhauses bis 1988. In einem Kapitel (4.) wird der Widerstandskreis in Mooshausen behandelt mit der Guardini-Lektüre der Weißen Rose, vermittelt durch Carl Muth und Theodor Haecker. Auch wenn sie nicht wie die Geschwister Scholl in den aktiven Widerstand gingen, waren Guardini-Leser gegen die NS-Ideologie immunisiert.

Guardinis breit ausstrahlende jugendpädagogische Arbeit auf Burg Rothenfels beschreibt das Kapitel „Diese herrliche Woge jungen Lebens …“. Dazu zählt auch sein Einsatz für die Mainzer Kongregation „Juventus“, bei der er Vorträge hielt, und die sich mit dem aus Schlesien stammenden „Quickborn“ zu einer eigenständigen katholischen Jugendbewegung vereinigte. Neben der Berliner Professur für christliche Weltanschauung war Guardini deren Mentor. Geschildert wird auch Heinrich Kahlefeld (1903-1980), der „Meisterschüler“ und von 1948 bis 1959 Nachfolger als Burgleiter von Rothenfels, der später in manchen Punkten in Spannung zu seinem Lehrer stand. Ein je eigenes Kapitel hat die „nicht ganz enge Beziehung“ zwischen Guardini, Weiger und dem Hochland-Schriftleiter Carl Muth und die beidseitig förderliche Beziehung zu Josef Pieper.
Der dritte Teil des Buches widmet sich Guardinis Anschauung von Welt und Person. „Anfang“ ist Grundwort und Geheimnis in der Deutung der Kindheit. Auge und Licht sind weitere Grundbegriffe in seiner Weltwahrnehmung, darin ganz nah bei Augustinus, Pascal und Goethe. Sie prägen auch seine Sicht auf die Künste (167-179). Bisher kaum in dieser Weise bekannt ist die von Gerl-Falkovitz behandelte Unterscheidung und Nähe Guardinis zu Friedrich Nietzsche, einem verborgenen Antipoden, mit dem auch die Mystikerin Madeleine Sémer (1874-1921), deren Tagebuchaufzeichnungen Guardini kommentierte, gerungen hat, und zu Martin Heidegger, der vor das „Nichts“ stellt, das für Guardini nicht nihilistisches Ende, sondern Ursprung und Herkunft der Schöpfung ist. Im Blick auf das Grundwerk „Welt und Person“ (²1940), das sich indirekt gegenüber Heidegger positioniert, wird der Seinsaufbau der Person beschrieben. „Die Frau“ als Gegenpol sieht Gerl-Falkovitz in Anknüpfung an die Frauengestalten von Guardinis Dostojewski-Buch und in kritischer Absetzung von Gender-Theorien. Eine sehr moderne Sicht des Fraulichen und Männlichen enthält der beigegebene (um 1925 entstandene) Text „Frau und Staat“ (257-260).

Im vierten Teil geht es um Christus, den Herrn, das Ziel und die Sehnsucht aller Schau des gläubigen Menschen. Eine „Theologie des Herzens“ findet in Auslegung des Jakobskampfes ihren Ort im Ringen um die echte Liebe. Das 1937 erstmals erschienene große Hauptwerk „Der Herr“ ist Christologie als Ideologiekritik gegen den „Führer“ und gegen totalitäre Macht, aber auch eine Unterscheidung Jesu von Sokrates und Buddha. Es deutet „die Apokalypse als Gegenwart“ (283), in der Wahrheit durchaus „polyphon“ (316) ist. „Leibhaftiges Spiel“ nennt sich ein Kapitel zur Anthropologie der Liturgie in Anknüpfung an einen Gedanken aus „Der Geist der Liturgie“. Leib wird vom Missverständnis des Leibes als bloßem Körper unterschieden, die Eucharistie im engeren Sinne als Realsymbol des Leibes Christi steht dabei leider im Hintergrund. Abgeschlossen wird der gehaltvolle Essayband mit Überlegungen zum Thema „Europa und Christus“ aus der Sicht des gebürtigen Italieners und Wahldeutschen, für den die deutschen Dichter mit Kierkegaard Norden, Dante Süden, Pascal Westen und Dostojewski Osten Europas waren. Ein letzter luzider Essay behandelt das Werden des Neuen durch den dreifachen Anfang des Menschen: 1. in der Schöpfung, 2. in der Öffnung gegenüber Christus und 3. in der neuen inkarnatorischen Begegnung des erlösten Menschen mit dem Werden der Welt. So ist der Mensch „Allmacht unter Gott“ (omnipotentia sub Deo) wie Guardini zustimmend Anselm von Canterbury zitiert. Damit ist das „Geheimnis des Lebendigen“ bei seiner Vollendung angelangt. Das mit einem Frontispiz-Porträt des jungen Guardini von Gebhard Fugel versehene Buch ist zu einem bezahlbaren Preis ansprechend ediert und in der klassischen Rechtschreibung verfasst. Künftige Guardini-Forschung wird auf es zurückkommen, Liebhabern und Verehrern ist es ein Lesegenuss. Im Advent 2017 ist für Romano Guardini, auf den Papst em. Benedikt XVI. in seinen letzten, Papst Franzskus in seinen ersten Reden Bezug nahm, im Erzbistum München ein Seligsprechungsverfahren eröffnet worden.

Stefan Hartmann

Gerl-Falkovitz Hanna-Barbara: Geheimnis des Lebendigen. Versuche zu Romano Guardini, Be&Be-Verlag 2019, 337 Seiten, € 24,- ISBN 9783903118850

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