Geistlich kämpfen lernen

Dass das gehäufte Vorkommen von Süchten, Depressionen und Burn-Out durchaus ein gesamtgesellschaftliches Symptom für den Zustand ist, den Evagrius Ponticus als die Wurzelsünde der Akedia bezeichnet, ist keine ganz neue Erkenntnis. Vor allem der orthodoxe Geistliche Gabriel Bunge hat sich über diesen Zusammenhang geäußert. Denn was liegt für einen Mönch näher, als sich für die Probleme der heutigen Gesellschaft des Schatzes uralter monastischer Tradition zu bedienen – also Neues und Altes hervorzubringen?
Das vorliegende Buch ist Bunges Ansatz verpflichtet. Es ist von einem 1938 geborenen deutschen Benediktinermönch geschrieben worden, den nicht nur jahrzehntelanger geistlicher Kampf geprägt hat und der von 1982 bis 2006 seinem Kloster Münsterschwarzach als Abt vorstand, sondern der darüber hinaus Erfahrung in Meditiations- und Exerzitienkursen hat. Der Autor versteht es, alle diese geistlichen Erfahrungen in einem gut lesbaren und kenntnisreichen Buch unterzubringen. Er schlägt einen Bogen von den Wüstenvätern und dem frühen Mönchtum (Benedikt, Wüstenväter, Evagrius Ponticus, Johannes Cassian) zu den Sorgen und Nöten des Menschen von heute und zeigt die ungebrochene Aktualität der Notwendigkeit des geistlichen Kampfes für ein christliches Leben auf. Obwohl er weiterführende Literatur aufzählt und das Buch mit einem Anmerkungsapparat versehen hat, also viel Raum für vertiefende Studien gibt, handelt es sich um keine trockene Abhandlung über die spirituellen Traditionen. Abt Fidelis bedient sich einer lebendigen, funkelnden, manchmal witzigen Sprache, die eine Synthese jahrzehntelanger fruchtbringender geistlicher Lesung ist. Der Autor bemüht sich sichtlich um ein Maßhalten im Ausdruck: Sein Stil ist anspruchsvoll, aber nicht altertümelnd, er vermeidet es, wie ein Betrachtungsbuch aus der Zeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts daherzukommen, und ist bei aller Deutlichkeit und Klarheit frei von Ressentiments gegen die heutige Welt. Er schöpft aus der Bibel: Die beiden Bücher, die er am häufigsten zitiert, sind die Heilige Schrift und die Regula Benedicti. Andererseits ist der Autor aber auch frei von esoterisch angehauchtem Nabelschau-, Befindlichkeits- und Selbsterfahrungsdeutsch – im Gegenteil: Wenn es um verbal (vorderhand) schwierig faßbare seelische Zustände geht, findet der Autor immer eine deutliche, direkte, niemals aufdringliche Sprache. Doch auch die verbiesterte Verkrampftheit der Fit-for-fun-Freizeitstress-Spiritualität unserer Tage vermeidet er (anders, als das Cover vermuten läßt). Der Autor ist tief spirituell, dabei von klassisch-benediktinischem, monastischen Ebenmaß, er spiritualisiert nicht alles. Irrationaler Dämonenglaube (der ja auch wieder die Menschen in Angst versetzt und versklavt) findet in diesem Buch ebensowenig Platz wie alles Kleingläubige, Enge, alles bloß Modische.
Ob er Atem- und Entspannungstechniken behandelt, ob er das Jesusgebet und die kurze Anrufung des Namens Jesu zur Beruhigung und zum Kampf gegen böse Geister anführt, ob er die Notwendigkeit geistlicher Begleitung anspricht, ob er den Weg des Mönchtums als einen Weg innerer, geistiger und geistlicher Freiheit anspricht, als einen Kampf gegen die schlechten Gewohnheiten, die den Menschen versklaven und fesseln, ob er von der Leiblichkeit des Betens spricht, von der Ordnung als Lehrmeisterin, dem Laster des Murrens, der Notwendigkeit brüderlicher Gemeinschaft und Liebe, ob er vom Singen schreibt, das die Dämonen vertreibt und Gott lobt: Der Leser hat zuweilen den Eindruck, als handele es sich bei dem Buch um das geistliche Vermächtnis eines weisen Altvaters. Das Buch richtet sich zwar in erster Linie an Menschen, die in der Welt leben, ist aber gerade für Christen, die im Kloster leben oder in der engeren geistlichen Nachfolge Christi stehen, interessant (wahrscheinlich sogar interessanter). Das Buch ragt in jedem Fall deutlich aus der benediktinischen Erbauungsliteratur der letzten Jahre heraus.

Eugenius Lersch

Ruppert, Fidelis: Geistlich kämpfen lernen. Benediktinische Lebenskunst für den Alltag, Münsterschwarzach 2. Auflage 2012, 200 Seiten, € 20,- ISBN: 978-3736501478

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