Kriminalistische Phantasterei

Dieser Schrift käme wohl kaum jene Aufmerksamkeit zu, wenn es sich beim Verfasser nicht um einen der bedeutendsten deutschsprachigen Historiker handeln würde. J. Fried hat mit seinen quellenbasierten Standardwerken zum „Gang nach Canossa“ (Berlin 2012) und zu Karl dem Großen (München 2013) einem großen Publikum das Mittelalter erschlossen. Bereits in seinem letzten Buch „Dies irae“ (München 2016) weitete er den Horizont seiner Disziplin und tat einen Blick in die bleibende Gegenwärtigkeit von Weltuntergangsstimmungen. Dass er sich nach diesem Ausflug in apokalyptisches Terrain nun in die Herzmitte christlicher Theologie vorwagt, erscheint als die logische Konsequenz, das Mittelalter als „aetas Christiana“ (Chr. Cellarius) von ihren Ursprüngen her zu denken.

Der reißerische Titel und Inhalt dieses Werkes verdankt sich einem Zufall. Er, Fried, sei auf einen Artikel zweier Ärzte gestoßen, die sich mithilfe ihrer Wissenschaft mit dem Tod Jesu, wie er im Johannesevangelium geschildert wird, beschäftigen. Johannes’ Darstellung wird als die historisch zuverlässigste genannt (28). Die These der Mediziner lautet, dass Jesus nicht am Kreuz gestorben sei. Er habe durch die Geißelung zwar eine Lungenverletzung erlitten und sei am Kreuz in eine todesähnliche Kohlendioxidnarkose gefallen, der Lanzenstich (Joh 19,34) habe ihm jedoch das Leben gerettet. Indem nämlich Blut und Wasser aus der Seite strömten, sei der Körper entlastet worden. Überdies sei der Bewusstlose ungewöhnlich früh vom Kreuz genommen worden. Somit sei Jesus gar nicht am Kreuz gestorben, sondern lediglich scheintot gewesen.

Diese naturwissenschaftliche Spekulation ergänzt Fried um eine reichlich esoterisch daherkommende Fortsetzung der Ereignisse auf Golgotha. Jesus sei untergetaucht, während seine Anhängerschaft die frohe Botschaft von der Auferstehung verkündet habe. Danach könnte (bei Fried weicht der Konjunktiv bald dem Indikativ) Jesus nach Ägypten und schließlich in den Osten gezogen sein und weiter seine Lehre von Umkehr und Reich Gottes verkündet haben. Eine Folge dessen sei die andere Lesart der Gestalt Jesu, wie sie in „häretischen“ Schriften und im Koran auftauche: Jesus wird dort verstanden als ein weiser Lehrer und Gesandter Gottes, ohne Anzeichen von Kreuz und Auferstehung. Am Anfang des Christentums soll also der große Schwindel gestanden haben.

Fried beschäftigt sich nicht mit theologischen Klärungen, was äußerst erschreckend anmutet. So nimmt er weder exegetische noch fundamentaltheologische Arbeiten zur Kenntnis (zur Sache nach wie vor trefflich: H. Kessler, Sucht den Lebenden nicht bei den Toten, Düsseldorf 1985; G. Essen, Historische Vernunft und Auferweckung Jesu, Mainz 1995; J. Becker, Die Auferstehung Jesu Christi nach dem Neuen Testament, Tübingen 2007). Es manifestiert sich hier die Unsicherheit der gegenwärtigen Geisteswissenschaft, wie mit dem Erbe des Christentums umzugehen sei und was man vom Bekenntnis der Christen an den auferstandenen Herrn zu halten habe. Nicht erst die rationalistische „Denkglaubigkeit“ (H.E.G. Paulus) störte sich an diesem Umstand. Man wundert sich nach der Lektüre nur, weswegen der doch um Seriosität bemühte Verlag C.H. Beck solche professoralen Phantastereien als sensationslüsternes Sachbuch und nicht als einen spannenden Kriminalroman (so auch Frieds erste Intention, 7) auf den Buchmarkt bringt.

Alexander Ertl

Fried, Johannes: Kein Tod auf Golgotha. Auf der Suche nach dem überlebenden Jesus, 187 Seiten, C. H. Beck 2019, ISBN 978-3406731419 € 19,95.

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