Wie Barmherzigkeit dekliniert wird

Barmherzigkeit ist die erste Eigenschaft Gottes (85), sein Name (110), der Ausdruck seines Wesens und damit die befreiende Botschaft selbst. Papst Franziskus ist meisterhaft in der Formulierung von direkten und einprägsamen Formulierungen, vermutlich weil er selbst eine Ikone der Barmherzigkeit ist. Als Dreh- und Angelpunkt stellt er sie immer intensiver in das Zentrum seines Pontifikates, auch nach dem „Jahr der Barmherzigkeit“. Der Papst hat seinen Dienst der Liebesbeziehung zwischen Gott und Mensch geweiht, so wie Johannes Paul II. sein Amt dem Glaubensbekenntnis und Benedikt XVI. der Hoffnungsbegründung verschrieben hatte. Glaube – Hoffnung – Liebe.

Gott schenkt seine Barmherzigkeit grenzenlos, über alle Vorstellungen der Menschen hinaus. Franziskus erinnert in diesem Büchlein an die schmerzenden Wunden unserer Gesellschaft, an die Verletzungen im Innersten des menschlichen Herzens. Die Beichte gibt den Menschen die Möglichkeit, von dieser Verwundung zu sprechen, sie in der liebenden Gegenwart Gottes los zu werden, durch seinen Priester mit dem „Werkzeug der Barmherzigkeit Gottes“ (43) im Namen und Auftrag Jesu gestärkt zu werden. „Die Sünde ist eine Wunde. Sie muss versorgt und verarztet werden“ (48), ermutigt der Papst. Gott verhört nicht, sondern hört zu. Der Priester versöhnt dabei. Ohne mit erhobenem Zeigefinger zu winken gelingt es dem Papst, das Eingestehen der eigenen Fehler, Schwächen und Sünden mit der grundlegenden Sehnsucht des Menschen nach Barmherzigkeit zu verbinden. Der Mensch strebt nach Annahme, Liebe, Verzeihung und Barmherzigkeit. An die Brust klopfen heißt, sich nach Gott ausstrecken, seine Hand zu ergreifen und zugleich die eigenen Grenzen hinter sich zu lassen. Gott kann mit einem „kleinen Türspalt“ des Vertrauens (55) viel verändern. Die Kirche beschreibt Franziskus als „Feldlazarett“ im Kampf gegen das Leid in der Welt (74). Was würden Sie den Gläubigen raten, fragt der Journalist den Papst: „Dass er an die Wahrheit seines Leben vor Gott denkt: daran, was er fühlt, was er denkt. Dass er den Blick voller Aufrichtigkeit auf sich selbst richten möge. Und dass er sich auch als Sünder empfindet, dass er sich von Gott überraschen und erstaunen lässt.“ (65)

Florian Mayrhofer

Papst Franziskus / Tornielli, Andrea: Der Name Gottes ist Barmherzigkeit. Ein Gespräch mit Andrea Tornielli, Kösel Verlag 2016, 126 Seiten, € 17,50 ISBN: 978-3466371730

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