Seelenraub

Manfred Flügge apostrophiert als Künsterbiograph in „Stadt ohne Seele, Wien 1938“ einen traumatischen Wendepunkt innerhalb der österreichischen und europäischen Geschichte. Das Abstract verspricht eine Beleuchtung der Rolle der katholischen Kirche. Flügges Buch versteht sich jedoch nicht als Sachbuch, sondern als kulturkritische Zeitanalyse, mitunter im Genre eines Historienromans samt tiefenpsychologischen Exkursen, wodurch diese Erwartung nur ansatzweise erfüllt werden kann. Dem Leser erschließt Flügge dennoch neue Perspektiven, vor allem das indirekt-intellektuelle Gegensatzverhältnis zwischen Hitler und Freud, dessen Biographie die Erzählungen umrahmen und den Buchtitel untermauern.

Dem Anschluss an Hitler-Deutschland folgte der Ausschluss und der Abschluss jüdischen Lebens, die Emigration und Terrorisierung nichtarischen sowie intellektuellen Lebens im Zentrum des ehemaligen Vielvölkerstaates und mit dem Exil des großen Seelenforschers Sigmund Freud auch die Vertreibung einer geistigen Komponente. Flügges Schilderungen alternieren in Darstellung und Methodik, wechseln von historischer Abhandlung zur beispielhaften Lebenserzählung ihrer Akteure und Opfer: Freud, Musil, Werfel, Kraus, Zweig, Dollfuß, Schuschnigg und Hitler teilen sich in unterschiedlichen Ausdehnungen das literarische Parkett.

Besonders anschaulich und detailliert illustrieren Flügges Passagen das Treffen am Obersalzberg zwischen Bundes- und Reichskanzler, die darauf folgende „verhängnisvolle Frühlingsnacht“ im März 1938, die unmittelbare Vorgeschichte des „Anschlusses“ und das Verhältnis Hitlers zu Wien, die der Autor in neuen Facetten beleuchtet. „Der junge Hitler, der 1913 hier in Wien lebte, war kein Antisemit. Er hing von Wohlfahrtseinrichtungen ab, die von Juden geführt wurden, das wusste er. Die Käufer seiner Bilder waren mehrheitlich Juden, auch das wusste er. Und er war ein glühender Verehrer von Karl May, einem ausgewiesenen Pazifisten. … Subjektiv hatte Hitler mit Wien keine Rechnung offen, er wollte und musste keine Rache an der Stadt nehmen. Ich nenne das Hitlers Wienlüge.“

Einen weiteren geistesgeschichtlichen Schwerpunkt skizziert Flügge im „Wagneranischen“ der Hitlerästhetik, der unkritischen Mythenfaszination. Im Takt des Theaterregisseurs partizipierte Hitler an den erfalbelten Kunst- und Erlöserfiguren und stilisierte das Polittheatralische zum symptomatischen Spezifikum. Seine ästhetischen Prinzipien, so Flügge, gehen vor allem auf Gustav Mahlers Wagner-Inszenierungen zurück, die kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges in fortgeschrittenster Technik auf die Wiener Bühne gebracht wurden und den erfolglosen Hitler nachhaltig prägten.

Zuweilen verlangen die feingliedrigen Erzählungen vom Leser einen langen Atem. Diese partielle Ungeduld belohnt der Autor jedoch mit einem Erkenntnisgewinn. So entsteht in Summe ein konträres Bild vom sonst einhellig begrüßten „Anschluss“ und in Folge dessen die Entseelung eines Landes als geistig-ästhetisches Biotop für Extreme.

Florian Mayrhofer

Flügge, Manfred: Stadt ohne Seele. Wien 1938, Aufbau-Verlag 2018, 479 Seiten, € 25,- ISBN: 9783351036997

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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