Die poetische Kraft der Psalmen

Als ich sie durchschritten hatte, fand ich, den meine Seele liebt.“ (Hld 3,4)

Im hellen Licht der Poesie durchwandert ein biblischer Schriftmeister in seinem jüngsten Werk die Länder der Psalmen. Immer neu von Staunen erfasst, sucht er den faserreichen Tallit der jüdischen Rabbinen in frische Töne zu tränken. Mit Gilbert von Hoyland wagt er den Ruf des himmlischen Bräutigams zu vernehmen: „Ein gutes, ein geschütteltes, ein gedrücktes, ein überfließendes Maß wird euch in euren Schoß gegeben werden.“

Wo ein Schüler die Geduld verliert und ein Wissenschaftler die Lupe anlegt, dort schöpft der weise Mönch aus dem Strom der Jahrtausende und gießt den guten Wein behutsam in neue Schläuche. Wie ein „gefangener Vogel“ (Psalm 124) entflieht der ehrwürdige Autor dem Netz des Hexameter und fliegt frei in den Lüften des Rhythmus. Der Herausgeber der „Heiligenkreuzer Bibel“ und zahlreicher Bibel-Meditationen bietet hier ein Taschenbuch im Kleid des Troubadour. Es sucht seinen Platz auf dem „heiligen Berg, dem schönsten aller Berge“, denn dessen Verfasser will sich „recken und strecken“ im Morgenrot und rufen: „Verherrlicht ihn mit Musik, setzt Akzente!“ (Psalmen 50, 108 und 33) Gleich den Handwerkern und Musikern im Gefolge Davids will dieses Werk heute dem Kunstaffinen eine Stunde der Besinnung eröffnen. Auf diesem Pfad scheint Pieper ein geladener Weggefährte zu sein, der seinen Essay „Muße und Kult“ 1958 mit den Worten eröffnet: „Habet Muße und erkennet, dass ich Gott bin.“ Jener 46. Psalm trägt jedoch beim Alttestamentler mehr die drängende Stimme des Weltenherrschers, der über alle „Revolutionen und Regierungen“ schallend verfügt: „Schließt Frieden!“ Der überraschte Linguist und Theologe möge dieses Buch nicht vorschnell beiseite legen, sondern mit Hilarius von Poitiers bedenken: „Dass die Ansicht der Meisten über das Buch der Psalmen verschieden ist, wissen wir aus den Schriften selbst, welche sie verfasst und hinterlassen haben.“ Kurz gefasst: Die facilité des Augustinischen Stils mag im Kreis der Beter mehr dem Neugierigen als dem Profilierten schmecken. Doch den Todesschlaf des christlichen Abendlandes notierend, bekundet der 115. Psalm mit Recht: „Uns Lebenden ist es noch möglich zu danken. Der Allmächtige schenke uns viele Gedanken, die uns bewahren vor allem Schwanken, selbstverständlich jederzeit von nun an bis in Ewigkeit. Halleluja.“ Der Exeget bleibt seiner Liebe zum schöpferischen Gebet treu und liefert ohne wissenschaftlichen Anspruch ein Geleit für Pilger und Propheten.

Alberich Fritsche

Fenz, Augustinus Kurt: Fein Fühlend – Besinnungsvoll, Psalmen poetisch aus dem Urtext übersetzt, Be&Be-Verlag 2018, 289 Seiten, € 14,90 ISBN: 978-3903118577

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.