Schicksalsjahre im roten Talar

Die Tagebuchaufzeichnungen des Johannes Olav Fallize gewähren persönliche Einblicke in die römische Umbruchszeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts (1866-1871). Als späterer Bischof von Norwegen, der erste seit der Reformation, durchlebte der luxemburgische Seminarist am „Collegium Germanicum et Hungaricum“ den letzten Frühling des Kirchenstaates, das Verblühen der altrömischen Prachtenfaltung, die Streifzüge der Garibaldiner, das Erste Vaticanum mit den leidenschaftlichen Debatten über die Infallibilität sowie die Kapitulation der Ewigen Stadt. Der Edition liegen die originalen deutschsprachigen Texte und zudem ein vorzüglicher kritischer Apparat zu Grunde, worin relevante Personen-, Lebens- und Hintergrundinformationen angeführt sowie falsche Angaben Fallizes berichtigt werden. Allein das Ausscheiden Julius (Gyula) Graf von Andrássy aus dem Ministeramt des Auswärtigen im Jahr 1979 darf als historischer Tippfehler gelten.

Anfangs durchbricht im Diarium eine illustre Beschreibung der Stadt Rom, ihrer Liturgie und der umliegenden Landschaft. Der junge Seminarist genießt sichtlich die Sommerfrische extra muros. Besonderes Augenmerk finden die vor Würde und Glorie strotzenden päpstlichen Liturgien. Privileg der Frati rossi war es, entweder in vorderster Reihe den Handlungen beizuwohnen oder selbst die höchsten Assistenzen auszuüben. Dass 1867 zu selben Zeit am Pariser Marsfeld die Weltausstellung abgehalten wurde, ging am Seminaristen spurlos vorüber, nicht jedoch die Faszination des außerordentlichen Heiligen Jahres zur Feier der Wiederkehr des Martyriums der Apostelfürsten. Mit der Ankündigung des Ersten Vatikanums keimte erneut die Hoffnung auf den Fortbestand des Kirchenstaates auf, wenngleich die Umtriebe und Anschläge der Parteigänger Garibaldis sich häuften. Auch die prachtvolle Sekundizfeier Pius IX. im Jahr 1869, den er als heißgeliebten und tiefverehrten Vater der römischen Bevölkerung skizziert, konnte nicht über die militärische und diplomatische Schwäche des Kirchenstaates hinwegtäuschen. Immer stärker werdende Animositäten gegen das Konzil und die Unfehlbarkeit veranlassten Fallize für das Luxemburgische Sonntagsblättchen als Korrespondent zu wirken. Als Priester und Bischof wird er seine journalistische und politische Courage weiter ausbauen, damit aber erheblichen Gegenwind hervorrufen.

Je mehr sich der Papsttreue und Kritiker liberaler Theologie in die Debatte vertiefte, umso prägnanter fallen seine sonst ausgiebigen Darlegungen aus. Mit dem Konzilsbeginn Ende 1869 beginnt er, Predigten und Ansprachen des Papstes bzw. der Konzilsväter zu rekapitulieren. Einige aus dem Stegreif gehaltene Reden Pius IX. hält Fallize fest, die sonst der Vergessenheit anheimgefallen wären. Auch die Adaptierung der Konzilsaula beschreibt der Seminarist eingehend, mit dem Blick für tiefe Detailsymbolik: „Jeder Bischof hat vor sich einen Betschemel, den er in einem Augenblick in ein Schreibpult umwandeln kann.“ (225) Kniende Theologie am Konzil. Als Augen- und Ohrenzeuge überliefern seine Zeilen eine hitzige Debattenkultur, zumal viele Bischöfe das Germanicum während dieser Zeit beehrten und vier Studenten des polyglotten Seminars als Stenographen verpflichtet wurden.

Nach dem Aufflammen des Deutsch-Französischen Krieges und dem damit verbundenen Abzug der französischen Schutzmacht strömten nach einer kurzen und heftigen Belagerung die Truppen Garibaldis wie „Bienenschwärme“ in die ewige Stadt. Der Papst war fortan „Gefangener im Vatikan“, der Kirchenstaat im Chaos der Okkupation versunken. Wenn auch dem Klerus und der papsttreuen Aristokratie, dem „Schwarzen Adel“, ein Blutbad wie zur Zeit der Französischen Revolution erspart bleiben sollte, wurden Priester auf der Straße ihres Lebens beraubt. Viktor Emanuels Besitzergreifung der neuen Hauptstadt fiel nach Fallize auf das Unbehagen der Römer, ein angeordnetes Plebiszit konnte nur durch Heranführung von Rothemden eine breite Zustimmung erreichen. Mit dem letzten Eintrag vom 26. November 1871 beschließt Fallize sein Tagebuch mit dem Hinweis, dass nunmehr seine Kolumne in der luxemburgischen Presse als sein Tagebuch dient.

Die vorliegende Publikation erhebt keinen historisch-korrekten Anspruch, vielmehr bietet das „historisches Lesebuch“ eine facettenreiche Illustration der Geschichte. Vorwort (11-13), Einleitung (15-28), Anhänge zur Person Fallizes (365-374), eine Literaturverzeichnis (375-379) sowie ein Personen- und Ortsregister (380-391) runden diese Edition ab.

Florian Mayrhofer

Fallize, Johannes Olav: Römisches Tagebuch. 1866-1871, Herder 2015, 391 Seiten, € 49,99 ISBN: 978-3451307478

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