Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten

Ein aufregender Untertitel für ein Buch, das als das wichtigste religiöse Buch des Jahrzehnts bezeichnet wurde. „Benedict Option“ von Rod Dreher liegt seit April 2018 auch auf deutsch vor, und behält einen echten Sprengstoff. Dass es um die Zukunft der Kirche im Westen vielleicht nicht so rosig bestellt ist, ist ja Gegenstand zahlloser Bücher und Artikel. Schwieriger als die Diagnose jedoch ist ein konkreter Vorschlag, was sich denn ändern könne oder müsse. Auf dem deutschen Buchmarkt versuchen zwei Spiegel-Bestseller zu beschreiben, wie die Kirche der Zukunft aussehen könnte. In „Mission Manifest“ entwerfen 10 Autoren das Bild einer missionarischen Kirche, der es darum geht, Glaubensferne zu Jüngern Jesu zu machen. Erik Flügge dagegen fordert eine „Kirche für viele“ und ruft dazu auf, die Pastoral auf die Bedürfnisse jener 90% der Kirchensteuerzahler auszurichten, die nicht in die Kirche kommen. Also eben nicht nur „heiliger Rest“, sondern Servicekirche für das breite Volk. Das hier vorgestellte Buch könnte von dieser Idee nicht weiter entfernt sein.

Der Amerikaner Rod Dreher war agnostischer Methodist, wurde katholisch und ist mittlerweile orthodox. Und er stellt eine entscheidende Frage: wie kann Kirche sich in einer Gesellschaft positionieren, die sich mehr und mehr christenfeindlich entwickelt. Zunächst: ob diese seine Prognose zu pessimistisch ist, sei dahingestellt. Die Ideen, die er anführt, sind wirklich herausfordernd. Klares Profil statt Anpassung an den Mainstream, so könnte man seine Thesen zusammenfassen. Geistlich vibrierende Gegenmodelle zur Gesellschaft aufbauen, sie nicht einfach nur kopieren. Erfrischend ist Drehers nüchterner Blick auf die Politik. Weit davon entfernt, die patriotisch-konservative Linientreue der amerikanischen Evangelikalen zur republikanischen Partei als Heilmittel für den Niedergang zu betrachten, mahnt Dreher zu kritischer Distanz zur Politik.

Die Kirche solle der Versuchung der Macht widerstehen: es sei nicht ihre Aufgabe vermittels politischer Einflussnahme die Welt zu verändern, sondern als leuchtende Stadt auf dem Berg, die nach völlig anderen Regeln funktioniert (hier gibt es Parallelen zu den ebenfalls in Amerika viel diskutierten „Resident Aliens“ (dt. „Christen sind Fremdbürger“, fontis) der Theologen Hauerwas und Willimon), zu bestehen. Hier also unter dem Motto „verlasst euch nicht auf Fürsten“ (Ps 146,3) – keine Hoffnung auf eine konservative Trendwende in der Politik, sondern eine Kirche, die mutig komplett anders ist.

Und wie anders? Betont spirituell, ja liturgisch, als Gegenentwurf zum „moralisch-therapeutischen Deismus“ der Moderne. Herzliche, verbindliche Gemeinschaft an Stelle des Individualismus, der zur Vereinsamung führt. Asketisch als Gegenentwurf zur übersättigten Konsumkultur. Unbequem, wenn es darum geht, die Wahrheit auch dort zu sagen, wo sie dem Mainstream widerspricht. Zwischen der sexuellen Revolution und dem Christentum dürfe es keinen Frieden geben: außereheliche Enthaltsamkeit, Heiligkeit der Ehe, Kampf gegen Pornographie und intensive Vorbereitung der Kinder auf eine Generation des Werteverfalls. Überaus kritisch sieht Dreher die exzessive Verwendung digitaler Medien. „Nehmt den Kindern die Smartphones weg“, lautet ein Kapitel.

Nun, wer gerne etwas Seichtes, Harmloses liest, der greife besser zu einem anderen Buch. Doch wer meint, hier werde ein wissenschaftsfeindlicher Eskapismus gepredigt, täuscht sich. Dreher entwirft das Bild einer Neuauflage der klassischen Bildung. Eindrücklich beschreibt er, wie das Niveau moderner Schulbildung zum einen immer weiter sinke, sich zum anderen immer mehr zur reinen Vorbereitung auf den wirtschaftlichen Prozess entwickle. In der klassischen Bildung sei es um Charakterentwicklung und Sinnstiftung gegangen, es gelte also vermittels großer antiker und christlicher Literatur, die Fundamente der westlichen Gesellschaft neu zu entdecken. Natürlich ist das alles total konservativ. Es seien die benediktinischen Klöster gewesen, die in einer Zeit des Chaos Ordnung und Orientierung und schließlich auch die Evangelisierung gebracht hätten. Eben solche Leuchttürme täten heute Not. Doch dafür bräuchten Kirchen den Mut, radikal anders zu sein als der Rest der Gesellschaft. Sie müssten mit dem Wunsch brechen, bei niemandem anzuecken. Ihnen würde vehement widersprochen, doch zugleich wären sie extrem anziehend. Man muss Dreher nicht in allem zustimmen. Doch feststeht, dass sein Ansatz Biss hat und definitiv in eine richtige Richtung weist; in etwa das genaue Gegenteil der Richtung, in die viele christliche Kirchen Europas unterwegs sind.

Johannes Hartl

Dreher, Rod: Die Benedikt-Option. Eine Strategie für Christen in einer nachchristlichen Gesellschaft, fe-medien 2018, 397 Seiten, € 19,95 ISBN: 9783863572051

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