Im Anfang war das Wort

In Schwundzeiten religiösen Wissens obliegt es mitunter der bildenden Kunst, die übernatürlichen Fundamente menschlicher Existenz freizulegen, den toxischen Feinstaub geschichtlicher Demenz zu entfernen. Neben der „historischen Ignoranz“ und einer „repressiven Anamnese“ (José Casanova) gegenüber christlichen Propria, woraus vielfältige opprobria resultieren, begleitet eine Umkehrung der Prioritäten unsere irdische Realität. Die Prosperität des Kulturtourismus, das Interesse an christlichen Kunstwerken, sollte ipso facto nicht alleine für das Ebenmaß der Kunst Faszination hervorrufen, sondern auch jenen Liebreiz erwecken, von dessen Fluidum die Werke sprechen. Die vorliegende Veröffentlichung des französischen Autors knüpft das Band seiner zahlreichen Publikationen im Bereich der bildenden Künste und Musikwissenschaft fort und deskribiert 24 Meisterwerke des Alten sowie 26 des Neuen Testamentes.

Dabei spannt der Verfasser den Erzählbogen in großen Sprüngen von zwei Fresken des 12. Jahrhunderts über die Meisterwerke der Renaissance, des Barocks hin zum Expressionismus und dem „Maler-Poeten“ Chagall, die er allesamt in heilsgeschichtlich-biblischer Chronologie einordnet. So intoniert das Buch nach einer kurzen Einleitung mit Michelangelos Schöpfungsgeschichte und findet seinen Abschluss in Pieter Bruegels apokalyptischem Engelssturz.

Denizeau begleitet den Leser durch namhafte Pinakotheken und leitet nach einer biblischen Kontextualisierung und visuellen Wahrnehmung über zur Analyse ausgewählter künstlerischer Teilelemente. Damit betont der Autor die präexistente Formschönheit der Heiligen Schrift, das zeitliche Prius des kunstvollen Gotteswortes als inspirierenden Spiritus Rector des Kunstschaffenden. Im Rahmen einer Doppelseite finden sowohl Bildausschnitte als auch die geschichtliche Einordnung von Künstler und Opus Platz. Wenngleich der zweite Abdruck des Bildes auf der folgenden Seite durch nummerierte Transparenzabschnitte die Teilanalyse erleichtert (etwa die Umarmung der Engel in Piero della Francescas „Taufe Christi“, woraus Denizeau die streitenden Kirchen und den notwendigen Zusammenhalt ob der Türkengefahr ableitet) und dadurch ein nervenaufreibendes Herumblättern obsolet wird, wirkt diese Seitengestaltung bei dem prägnanten Textkorpus doch zu opulent.

An ausgewählten Stellen blickt der Autor über den geschichtlichen Horizont, indem glossarische Parallelisierungen mit anderen Werken gleichen Typs den Leser bereichern: so zum Beispiel zwischen Caravaggios martialischer und Klimts befremdlich-zärtlicher Jugendstil-Judith oder dem asketischen Stillleben Dalís und da Vincis Abendmahl. Den meditativen Rundgang durch den musischen Salon beschließen das Glossar, eine biblische Landkarte Israels, das Personen- und Ortsregister sowie ein Künstlerverzeichnis.

Florian Mayrhofer

Denizeau, Gérard: Die Bibel in Bildern. Meisterwerke der Malerei von Michelangelo bis Chagall, wbg Theiss 2. Auflage 2018, 221 Seiten, € 24,95 ISBN: 9783806238037

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.