Das Leben im Mittelalter

An Darstellungen über mittelalterliche Alltagsgeschichte herrscht beileibe kein Mangel. Man denke nur an die französische Annales-Schule. Es handelt sich bei Goetz‘ Werk jedoch um ein fulminantes Buch, geschrieben vor über 30 Jahren, in einer Zeit, da sich die Beschäftigung mit Alltagsgeschichte wohl noch einen Platz in der deutschen Historiker- und Universitätslandschaft erkämpfen bzw. ihn behaupten musste. Schließlich stammt die Beschäftigung mit dem alltäglichen Leben zumeist aus einer ins unbestimmt Linke zielenden Weltanschauung (Stichwort „Geschichte von unten“).
Das Buch besticht durch seine klare Struktur: Die Begründung und Rechtfertigung mittelalterlicher Alltagsgeschichte bildet die Ouvertüre. Sodann äußert Goetz sich über die Familie – hier erfährt man über das mittelalterliche Hauswesen, das Muntsystem, kognatisches und agnatisches Bewusstsein, man erfährt auch einiges über die Ehe – dies ist besonders für Christen interessant: Wie wurde der altgermanische Ehebegriff verchristlicht? Die Ansichten über Frauen, Liebe und Sexualität, auch über die Stellung der Kinder, sind fair, abgewogen und äußerst instruktiv. Das Mittelalter war mitnichten frauenverachtend oder leibfeindlich. Einen Höhepunkt bildet das Kapitel über Kloster- und Mönchsleben. Eine derart konzise, dabei informative und klare Auskunft über das Wesen des mittelalterlichen Mönchtums sticht heraus. Eine gründliche Lektüre dieses Abschnittes räumt auf mit vielen Vorurteilen, die ein romantisierendes Geschichtsbild des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts über das Ordensleben gelegt hat. Goetz bespricht die überragende kulturelle Bedeutung der Klöster, verschweigt aber nicht die enge Beziehung des klösterlichen Lebens zum Leben der Aristokratie und der Mächtigen. Das Klosterleben ist im Mittelalter eine Lebensform sui generis.
Dass das Mittelalter vorwiegend eine Agrarkultur war, verdeutlicht das nächste Kapitel über das bäuerliche Leben. Da die überwiegende Mehrheit der mittelalterlichen Menschen auf dem Land lebte, nimmt dieser Teil auch den größten Raum im Buch ein. Goetz vermeidet ein trockenes Schildern feudaler Strukturen; er versteht es vielmehr, das bäuerliche Leben lebendig und farbig darzustellen. Nebenbei erfährt der Leser historisches Spezialwissen (z. B. die Bedeutung des Polyptychons von Saint-Germain-des-Prés als Quelle für das Frühmittelalter) oder abgelegene, aber wissenswerte Brosamen: So stammt unser deutsches Wort „Pferd“ etymologisch aus dem mittelalterlichen Feudalsystem – „paraveredus“ ist der Arbeitsgaul, das Nebenpferd, das für Transport- und Botengänge benutzt wurde. Schließlich betrachtet Goetz noch den Hof (also den Adel) und die Stadt als Lebensform. Aristokratische und bürgerliche Repräsentationskultur bieten natürlich eine unerschöpfliche Fundgrube für eine lebendige Darstellung. Dass die Forschung in einzelnen Punkten die Erkenntnisse inzwischen vertieft hat, ist zu bedenken. So ist der schlechte Zustand der Gebisse der mittelalterlichen Menschen (obwohl Karies eher unbekannt war) wohl auf Steinsplitter und Sandrückstände im Mehl zurückzuführen, die die Zähne abgeschliffen haben. Auch war die durchschnittliche Lebenserwartung nicht auf so erschütternde Weise niedrig, wie man noch vor 20 Jahren annahm.
Der Vorteil des Buches liegt in seiner Dichte – der Autor bewältigt seinen Stoff souverän und ist ein Meister des Erzählens – der 1999 verstorbene Aphoristiker und Essayist Johannes Gross hat einmal nicht zu unrecht konstatiert, die zeitgenössischen Historiker hätten den heutigen Romanautoren einiges an schriftstellerischem Talent voraus (und erzählten überdies die interessantere Geschichte). Dies bewahrheitet sich hier. Das Buch ist 1986 zum ersten Mal erschienen, also deutlich vor dem digitalen Zeitalter mit seiner Explosion an Bildmaterial. Es ist ein Produkt der Gutenberg-Galaxis. Dies wird spürbar an der sparsamen Auswahl der Abbildungen, die für heutige Verhältnisse äußert dezent und gemäßigt daherkommt. Die Abbildungen erläutern den Text sehr schön, ersetzen ihn aber nicht, sind nicht effekthascherisch. Das Buch regt zum fortlaufendem Studium an, um auf einzelnen Seiten in die fremde Welt des Mittelalters abzutauchen. Goetz hat eine dichte und faire Darstellung dieser Epoche geschaffen, die uns bis heute prägt.

Eugenius Lersch

Goetz, Hans-Werner: Leben im Mittelalter. Vom 7. bis zum 13. Jahrhundert, Beck 7. Auflage 2002, 302 Seiten, € 24,90 ISBN: 978-3406379703

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