• Keineswegs bloßes Wünschen

    Erste Früchte an literarischer Produktivität während der Corona-Krise sind inzwischen soweit gediehen, dass sie sich ernten lassen, so auch dieses Buch. Eigentlich hätte Jean-Claude Wolf, emeritierter Professor für Ethik und politische Philosophie an der Universität Fribourg, einen Vortrag für ein Symposium zum Thema Gebet vorbereitet, doch dann kam der Lockdown dazwischen. Aus dem Kolloquium entstand ein Büchlein mit 138 Seiten, das zu einem Parforceritt durch eine Gebetsphilosophie ansetzt. Die Kapitel sind etwas lose zusammengesetzt, wozu der konzipierte Vortragsstil wohl das Seinige beitrug. Wolf beginnt mit Gedanken des dialogischen Religionsphilosophen Martin Buber, der für die philosophische Verächtlichmachung des Gebetsgeschehens den Amsterdamer Freigeist Spinoza im 17. Jahrhundert ausmacht. Dessen System lässt nur…

  • Pastoraltheologie bei Benedikt XVI.

    Der Frage, was für eine Pastoraltheologie sich im Werk Joseph Ratzingers/Benedikts XVI. ausdrückt, ist bisher kaum nachgegangen worden. Sein Profil ist eher systematisch das eines „Theologenpapstes“, als pastoral wie bei seinem Nachfolger Papst Franziskus oder beim hl. Papst Johannes XXIII., der das Zweite Vatikanische Konzil ausdrücklich als „Pastoralkonzil“ werten wollte. Doch die Gegenüberstellung von pastoralem und dogmatischem Denken kann einem echten katholischen Theologen und Kirchenmann nicht gerecht werden. Es daher sehr zu begrüßen, dass mit P. Thiemo Klein LC, derzeit Studentenseelsorger an der Katholischen Hochschulgemeinde Wien, ein Kenner der Schriften Ratzingers der Frage nach dessen „Pastoraltheologie“ in einer übersichtlichen wissenschaftlichen Forschungsarbeit nachgeht. Auch wenn Ratzinger nicht als Pastoraltheologe, sondern eher…

  • Einfältige Charismatik?

    Der 1767 heiliggesprochene Franziskaner-Konventuale Josef von Copertino (1603-1663) ist bekannt als der „Heilige der Flüge“ und war im 17. Jahrhundert bei Volk, Adel und Klerus auch durch andere Wundertätigkeit einer der populärsten Männer der Kirche. Es ist vielfach glaubwürdig bezeugt, dass Bruder Josef an die 70 Mal frei in der Luft geschwebt hat und damit über die Gnadengabe der Levitation/Elevation verfügte. Seine Heiligkeit bestand aber nicht darin, sondern in der Art, wie er sich demütig, geduldig und „heroisch“ den Anweisungen der Inquisition und seiner Oberen fügte. Walter Nigg nahm ihn auf in sein bekanntes Buch „Große Heilige“ und widmete ihm dort unter dem Titel „Der einfältige Charismatiker“ ein schönes Porträt.…

  • Gelitten oder gebraten worden?

    Der heilige Laurentius zählte zu den sieben Diakonen der Stadt Roms und errang unter der valerianischen Christenverfolgung gemeinsam mit Papst Sixtus II. die Palme des Martyriums. Als „Schatzmeister der Reichtümer Gottes“ sicherte sich der Levit seinen Platz in den Annalen der Kirchenväter und Hagiographen. In Laurentius Gestalt verschmilzt der Archetyp des Jerusalemer Stephanus, der für die Integrität der Offenbarung vor dem Lebensopfer nicht zurückschreckte, mit dem Gegenpart des Verräters Judas Iskariot, dessen Sorge um die Armen von seiner Gier verzehrt wurde. Als heißbegehrter Patron und Fürsprecher ist der heilige Levit Schirmherr vieler katholischer Kirchen und darüber hinaus Patron der ältesten Kathedrale Skandinaviens, dem Dom zu Lund in Südschweden (konsekriert 1145),…

  • Er sagt’s in vollem Glauben

    Wenn Amos Oz die Rolle des großen Romanciers des modernen Israels zukam, so war Jehuda Amichai die große lyrische Stimme des Gelobten Landes, das man „nach Touristenführern und Gebetbüchern“ (66) einfach nur lieben kann. Amichai wurde 1924 in Würzburg als Ludwig Pfeuffer geboren. Streng jüdisch-orthodox erzogen, wanderte die Familie bereits 1935 aus, um dem Nazi-Regime lebend zu entkommen. Sein anschließendes Leben verbrachte er in Jerusalem, mit einigen wenigen Unterbrechungen, um etwa in Berkeley oder New York Gastprofessuren für Poetik wahrzunehmen. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte Amichai in der Jüdischen Brigade der britischen Streitkräfte. Diesen Kampf setzte er im Israelischen Unabhängigkeitskrieg fort. Seine Kriegserlebnisse hinterließen bei Amichai tiefgreifende Spuren. So einiges habe…

  • Christlich-jüdischer Dialog

    Walter Kardinal Kasper ist neben Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. der führende katholische Theologe der Gegenwart und kann auf ein großes Werk zurückblicken. Er stand im Vertrauen der Päpste und war von 2001-2010 als „Ökumene-Kardinal“ Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen und der religiösen Beziehungen zum Judentum. Nun hat er aus dieser Zeit einige Artikel, Vorträge und Referate zum internationalen Dialog zwischen Juden und Christen gesammelt vorgelegt und seinen „jüdischen Freunden in tiefer Verbundenheit gewidmet“. Vorangestellt ist ein neuer etwas längerer Aufsatz „Juden und Christen – Neuanfang nach der Katastrophe der Schoah“, der der oft verwirrenden Geschichte des jüdisch-christlichen Verhältnisses nachgeht. Der Artikel ist fast lexikalisch und sieht…

  • Die Schätze des Depots

    In diesem ästhetisch gelungenen, inhaltlich kurzweilig und freundlich gestalteten Band ist die „Depotoffensive“ des Landes Niederösterreich Thema. Von 2013 bis 2017 hat das Institut für Konservierung und Restaurierung der Universität für angewandte Kunst Wien für das Land Niederösterreich die Sammlungen von sechs Klöstern und Regionalmuseen neu geordnet, inventarisiert, konservatorisch überarbeitet und fachgerecht gelagert. Ziel war stets ein Zweifaches: die Bestände vor Schäden zu schützen und in einer besseren Weise zugänglich zu machen. Wer ein trockenes Buch über Konservierungstheorie und Archivbauten erwartet, wird enttäuscht sein. Das Buch sprudelt vor lauter Begeisterung und Elan. Da sehr viel von der Arbeit von Studenten, Praktikanten oder Freiwilligen geleistet wurde, äußert sich deren Begeisterung in…

  • Orthodoxer Augustinismus

    Der Weltorthodoxie droht die Spaltung“, prophezeite eine Wochenzeitung die Bestrebungen des Moskauer Patriarchats, „einseitig die eucharistische Gemeinschaft mit dem Ökumenischen Patriarchen und seinen Bischöfen (abzubrechen …. und als) zahlenmäßig größte Orthodoxie jetzt die weltkirchliche Führungsrolle (zu beanspruchen)“. Auf weitere, seit gut anderthalbtausend Jahren immer wieder in der Orthodoxen Kirche diskutierte Probleme und Konflikte geht die im Jahr 1978 erstmals in „The Orthodox World“ vorgelegte Untersuchung des 1982 verstorbenen Autors ein, die 2007 als amerikanisches Original und noch viel später (2019) in der hier vorgelegten deutschen Übersetzung erschien. Der Stand der Diskussion ist also der des Jahres 1978.Ein einleitendes Vorwort des Autors hebt die in dem schmalen Band behandelten Hauptpunkte der…

  • Kriminalistische Phantasterei

    Dieser Schrift käme wohl kaum jene Aufmerksamkeit zu, wenn es sich beim Verfasser nicht um einen der bedeutendsten deutschsprachigen Historiker handeln würde. J. Fried hat mit seinen quellenbasierten Standardwerken zum „Gang nach Canossa“ (Berlin 2012) und zu Karl dem Großen (München 2013) einem großen Publikum das Mittelalter erschlossen. Bereits in seinem letzten Buch „Dies irae“ (München 2016) weitete er den Horizont seiner Disziplin und tat einen Blick in die bleibende Gegenwärtigkeit von Weltuntergangsstimmungen. Dass er sich nach diesem Ausflug in apokalyptisches Terrain nun in die Herzmitte christlicher Theologie vorwagt, erscheint als die logische Konsequenz, das Mittelalter als „aetas Christiana“ (Chr. Cellarius) von ihren Ursprüngen her zu denken. Der reißerische Titel…

  • Jesus der Christus

    Franz Dünzl starb im Jahre 2018 im Alter von 58 Jahren. Er war Kirchenhistoriker mit dem Schwerpunkt Patrologie, Lehrstuhlinhaber in Würzburg. Besonders hervorgetreten ist er mit seinen Forschungen zu Gregor von Nyssa. Zwei kleine, aber exquisite Bücher dürften für jeden, der sich mit den komplizierten Denkbewegungen auseinandersetzen will, die zur Ausformulierung des dogmatischen Inhalts führten, wegweisend sein: Seine „Kleine Geschichte des trinitarischen Dogmas in der Alten Kirche“ und seine hier zu besprechende „Geschichte des christologischen Dogmas in der Alten Kirche“, postum herausgegeben von seinen Mitarbeitern Michael Bußer und Johannes Pfeiff. Beide Bücher verstehen sich als einführende Überblickswerke. Schon eine flüchtige Lektüre zeigt, welche komplizierten gedanklichen Sprünge die Grundtatsache des Christentums…