Licht-gewordenes-Geheimnis

Das Interesse am „Turiner Grabtuch“ ist und bleibt virulent. Von keiner anderen „mutmaßlichen“ Herrenreliquie ging und geht eine derartige Faszination aus. Die Literatur dazu ist breit, besonders Paul Badde (Rom) hat mehrere Bücher dem Turiner Grabtuch und dem Seidentuch von Manopello gewidmet. Einer persönlichen spirituellen Anrufung folgend haben nun die Hofer katholische Autorin Barbara Stühlmeyer und der Bamberger Alterzbischof Karl Braun sich umfassend der Thematik des Grabtuches, aber auch grundsätzlich der Verehrung des Antlitzes Jesu und seiner Ikonen gewidmet. Dabei geht es um einen „spirituellen Türöffner“ (62) für ein Anliegen von Papst Benedikt XVI.: „Wollen wir wirklich das Antlitz Gottes erkennen, haben wir nichts anderes zu tun, als das Antlitz Jesu zu betrachten. In seinem Antlitz sehen wir wirklich, wer Gott ist und wie Gott ist“ (112).

Das seit dem Fotonegativ von 1898 auf dem Tuch deutlich erkennbare Antlitz strahlt eine Hoheit aus, die allein schon ausreichte, in ihm mit William Shakespeare „meinen Herrn“ (King Lear I,4) zu erkennen. Die beiden Autoren sind von der Echtheit des Grabtuches überzeugt, wollen diese aber „glauben“ (13) und nicht zwingend beweisen. Dennoch werden alle damit zusammenhängenden Sachfragen in Anlehnung an bekannte Arbeiten (Ian Wilson 2010; Michael Hesemann 2005) ausführlich erörtert: die Art des Stoffes, der unerklärliche Körperabdruck, die Brand-, Wasser- und Blutspuren, die Reisewege des Tuches von Jerusalem über Edessa und Konstantinopel nach Frankreich und schließlich nach Turin, die teilweise umstrittenen wissenschaftlichen Untersuchungen des Tuches nach Alter, Feinstaub (aus Jerusalem!), Pollen, Salben und Pflanzenabdrücken, die erkennbare Dreidimensionalität des Abdrucks. Alles zusammen sind es viele Indizien, die die Echtheit des Grabtuches sehr wahrscheinlich und vernünftig annehmbar machen. Auch die theologische Berechtigung der zeitweise umstrittenen Ikonenverehrung wird mit Bezug auf Christoph Schönborns erhellende Darlegungen (Die Christus-Ikone, Schaffhausen 1984) unterstrichen.

Die Autoren widmen sich dann noch anderen Aspekten: der Verehrung des Antlitzes Jesu beim hl. Karl Borromäus (43-50) und der hl. Therese von Lisieux (159-165), dem Grabtuch im Kontext anderer Jesusreliquien (166-176), der Frage von Stigmata (177-182) und der Verehrung des Antlitzes Jesu in der Liturgie der Ost- und Westkirche, sowie in der Musik von Johann Sebastian Bach („O Haupt voll Blut und Wunden“) bis hin zu Arvo Pärt (206). Nach einem Blick auf die Geschichte der Passionsmystik wird das hilfreiche Werk (das in der FAZ eine ungerechte, vom Verlag widersprochene Rezension erhielt) beschlossen mit einem spirituellen Vortrag von Alterzbischof Braun anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung zum Turiner Grabtuch im Bamberger Diözesanmuseum (217-225). Sein Anliegen und das Anliegen des einzigartigen Buches mit Barbara Stühlmeyer ist nicht nur informativ, sondern performativ. Es soll durch die Einladung zur Betrachtung des Antlitzes Jesu etwas in Gang gesetzt werden: „Was könnten wir uns also Besseres, Größeres, Erfüllenderes wünschen als dies: bei Christus bleiben?“ (Karl Braun, 216).

Stefan Hartmann

Braun, Karl; Stühlmeyer, Barbara: Das Turiner Grabtuch. Faszination und Fakten, Butzon & Bercker 2018, 200 Seiten, € 20,- ISBN: 9783766625342

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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